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Abdallah Hajjir

„Wenn man an die Tür klopft, findet man Leute, die aufmachen“

Abdallah Hajjir
Abdallah Hajjir; schon seit 30 Jahren in Deutschland, 29 davon in Berlin

Die Tür zum „Haus der Weisheit“ ist der Hintereingang der ehemaligen Sparkasse. Den erreichen wir über den Parkplatz zwischen Rewe und McGeiz am Ende der Turmstraße. Das „Haus der Weisheit“ ist ein Kulturverein, eine Begegnungsstätte und vor allem eine Moschee. Der Gebetsraum ist ausgelegt mit Teppichen, an den Wänden hängen Bilder von Mekka. Abdallah Hajjir zeigt uns eine Darstellung vom Baum der Propheten. Die großen Religionen Judentum, Christentum und Islam wachsen aus einem Stamm und verzweigen sich dann in verschiedene Richtungen.

Abdallah Hajjir ist in dieser Moschee der Imam. Er ist kein akademischer Geistlicher, für seine Qualifikation als Vorbeter und Prediger hat er Seminare besucht. Studiert hat er etwas ganz anderes, nämlich das Bauingenieurswesen an der Technischen Universität hier in Berlin. Aber Abdallah Hajjir ist einer von den Menschen, die nicht vor allem aus ihrem Beruf zu verstehen sind. Dafür ist er viel zu vielseitig.

Als er mit 19 Jahren 1978 nach Berlin kam, hatte er schon zur Vorbereitung auf sein Studium an einer deutschen Universität zwei Semester Studienkolleg in Hamburg hinter sich und stand nun vor der Wahl, entweder Medizin oder Bautechnik zu studieren. Für Medizin hätte er ein paar Jahre warten müssen, also nahm er die Bautechnik. Als er sein Studium finanzieren musste, hat er zwar auch in Büros gearbeitet, aber er hat sich auch schon selbständig gemacht und einen Handel getrieben. „Ich musste schon seit meiner Kindheit immer kämpfen“, sagt er. Als Abdallah fünf Jahre alt war, starb sein Vater.

Eigentlich wollte er ja nach dem Studium zurück in seine Heimat und dort arbeiten, „Jordanien hat viel für mich getan, meine ganze Jugend habe ich dort verbracht, ich bin dort zur Schule gegangen“, aber dann, dann dauerte das Studium doch länger als erwartet, dann hat er sich an das Leben hier in Deutschland gewöhnt, dann hat er eine Studentin aus seiner Heimat kennen gelernt, und dann haben die beiden geheiratet, und dann hat sie 1985 das erste Kind geboren, und heute ist er 47 und hat fünf Kinder. „Ich habe zwei Generationen Kinder, der älteste ist 21, der jüngste acht, die grauen Haare kommen von der zweiten Generation.“

Heute betreibt er in der Bugenhagenstraße das Reisebüro „Salam Reisen“. Als Ende der 90er Jahre die großen Pläne der Stadt ausgeplant waren, wurde er zunächst arbeitslos, wie viele aus seiner Branche. Dann kam hier ein Job und da ein Job und schließlich die Idee mit dem Reisebüro. Als Imam hatte er schon Pilgerreisen organisiert, und oft waren er und seine Leute unzufrieden. Also – warum nicht das Geschäft selber machen? Das verknüpft sich das berufliche Kapitel seiner Biografie mit dem, welches von seinem sozialen und religiösen Engagement erzählt.

Auch das Kapitel beginnt schon in seiner Studentenzeit, als er noch in Kreuzberg wohnte und dort in einer islamisch-arabischen Gemeinschaft ehrenamtlich mitgearbeitet und dieselbe schließlich zehn Jahre lang geleitet hat. „Ich wollte, dass die rauskommen aus den Hinterhöfen. Zum Gebet kommen manchmal tausend Leute, und es ist normal, dass die nach dem Gebet miteinander reden wollen. Und wenn die dann in den Hinterhöfen standen und redeten, war das für die Anwohner nicht tolerierbar.“ Da hat er sich an eine Schule gewandt und Unterstützung gefunden, die Gemeinde durfte die Sporthalle nutzen. „Wenn man an die Tür klopft, findet man Leute, die aufmachen.“

Als Abdallah Hajjir dann mit seiner Familie nach Moabit kam, hat er zunächst zusammen mit seiner Frau eine private Schule für arabischen Unterricht am Unionsplatz gegründet und Ende der 90er Jahre dann das „Haus der Weisheit“ in einem ehemaligen Lokal in der Rostocker Straße. Dort hat er mit seinen Freunden eine Kegelbahn überbaut und zum Gebetsraum eingerichtet. Vielleicht ließe sich sein Engagement ja auch mit dem Bild eines Baumes beschreiben. Da wächst eines aus dem anderen und verzweigt sich. Zum „Haus der Weisheit“ kam der Kindergarten „Safina“. Aus seiner Zusammenarbeit mit dem Quartiersmanagement sein Einsatz für den von Susanne Sander initiierten Dialog der Religionsgemeinschaften, der übrigens mit dem Integrationspreis des Bezirks ausgezeichnet wurde.

Überhaupt hat Abdallah Hajjir schon viele Auszeichnungen und Urkunden bekommen und alle in einem Ordner gesammelt. Denn abgesehen von der ganz natürlichen Freude über eine Anerkennung weiß er auch, dass ihm diese Zertifikate nützlich sein können, wenn er mal wieder mit einer offiziellen Stelle über ein Projekt reden muss. „Ich kann auf das soziale Engagement nicht verzichten“, sagt er, und fügt selbstbewusst hinzu: „Die anderen können auf mein Engagement aber auch nicht verzichten.“ Deshalb ist er wohl in viele Gremien gewählt worden und in den Quartiersrat sogar mit dem besten Ergebnis.

In der Kegelbahn gab es Probleme mit der Feuchtigkeit und den steigenden Kosten, und so ist das „Haus der Weisheit“ umgezogen in die Räume der ehemaligen Sparkasse. Die Zukunft dort ist ungewiss. Dann heißt es wieder umziehen. Doch da sagt er,  wieder ganz selbstbewusst: „Wo wir sind, wirken wir gut. Vielleicht ist es gut, wenn wir viel umziehen.“

Burkhard Meise