Suche


Veranstaltungen

Dienstag, 24. September 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Samstag, 28. September 2019  16:00 Uhr

Familiennacht im Stsdtschloss

Dienstag, 01. Oktober 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Sonntag, 06. Oktober 2019  11:00 Uhr

Gütermarkt

Dienstag, 08. Oktober 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Dienstag, 08. Oktober 2019  19:00 Uhr

Runder Tisch gegen Gentrifizierung in Moabit

Dienstag, 15. Oktober 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Dienstag, 22. Oktober 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Dienstag, 29. Oktober 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Dienstag, 05. November 2019  16:00 Uhr

Mieterberatung im Stadtschloss

Logo EnergiesparratgeberMit dem EnergieSpar-Ratgeber können Sie Heiz- und Stromkosten senken

Franz Plich

Techniker, Betriebs- und Quartiersrat

Franz Plich lebt und arbeitet in Moabit
Franz Plich, gebürtiger Österreicher, sagt von sich selbst: "Ich bin auch ein Migrant."

Gedenktag 11. September

Am 11. September 1973 wurde in Chile die im Jahre 1970 in freien demokratischen Wahlen gewählte Unidad-Popular-Regierung von Salvador Allende durch einen blutigen Militärputsch gestürzt. Ein terroristisches Militärregime unter General Pinochet übernahm die Macht.

Dieser Putsch wurde vom US-Geheimdienst CIA maßgeblich gefördert und von US-Konzernen mitfinanziert, weil die Unidad-Popular-Regierung deren Eigentums- und Profitinteressen in Frage stellte und bedrohte. Für die US-Regierung hatten die Freiheit des Kapitals und ihre politische Macht klare Priorität vor der Freiheit, dem Selbstbestimmungsrecht und der Demokratie des chilenischen Volkes.

Ich war 1973 in Chile als Entwicklungshelfer einer österreichischen Organisation in einem multinationalem Projekt der UNO tätig. Mein Andenken gilt am 11. September den von Militär, Geheimdiensten und faschistischen Organisationen gequälten und ermordeten Verteidigern der Demokratie, meinen Kolleginnen und Kollegen und den Studenten meiner Einsatzstelle, der Universidad Técnica del Estado – Valdivia.

Ich selbst habe knapp überlebt.

Franz Plich, Berlin, 11.09.2006


Dieser Text ist so einfach, dass das Ungeheure unverstellt bleibt, so verdichtet, dass er wie ein Denkmal lange überdauern kann ohne zu altern, so reduziert, dass ihm nichts hinzuzufügen ist. Obwohl die Geschichte eines Augenzeugen auch nach 33 Jahren ausführlich erzählt noch eine aufregende und spannende wäre. Nur so viel: Franz Plich hat an diesem Text vier Jahre lang gearbeitet, bis er sicher war, jetzt kann er raus. Als der Text dann am 11. September als eine von ihm selbst finanzierte Anzeige in der Berliner Zeitung erschienen war, kehrte bei Franz Plich eine Ruhe ein, die er so bis dahin nicht kannte. Da erst wurde ihm bewusst, wie sehr die Ereignisse in Chile in ihm all die Jahre rumort haben müssen. „In der Beschränkung des Textes entfaltet sich eine Kraft“, sagt er und legt Wert darauf, dass er den Amerikanern ihre Trauer und ihr Gedenken an den 11. September 2001 auf keinen Fall streitig machen will.

Es ist nicht leicht, von diesem Thema auf ein anderes überzuleiten, zum Beispiel auf den Beusselkiez, wo Franz Plich seit elf Jahren wohnt. Die wenigsten seiner Kollegen vom Siemens Turbinenwerk verstehen das. Selbst die Facharbeiter verdienen dort gut, und Franz Plich gehört zur mittleren Führungsebene. Und man weiß doch, dass jeder, der es sich leisten kann, hier weg zieht. Aber da ist er anders. Er will mitten in der Stadt wohnen. Ein Häuschen im Grünen wäre ihm ein Greuel: „Kein Haus, kein Garten, kein Boot! Diese drei sind mir wichtig, damit ich meine Zeit nicht verschwende.“ Nun kann man ja auch mitten in der Stadt besser wohnen, als ausgerechnet im Beusselkiez. Das ist ihm aber nicht wichtig. Außerdem: „Ich komme aus ärmlichen Verhältnissen in Wien und fühle mich in einem armen Bezirk wohler als in einem reichen.“

Irgendwann hat er mal einen Aushang gesehen und vom Stadtteilplenum erfahren, und das hat ihn interessiert. Ihn haben schon immer politische Experimente oder neue Formen von demokratischen Spielregeln interessiert. Schon mit Mitte zwanzig war er in Paris ein Ingenieur, der sehr erfolgreich Maschinen verkaufte. „Da habe ich mich gefragt, bin ich dafür auf die Welt gekommen?“ Vielleicht eine ziemlich frühe midlife-crisis, jedenfalls stieg er aus, hatte „die Idee, Soziologie zu studieren, das hat aber auch nur ein paar Wochen gedauert.“ In Wien lebte er in einer Polit-Kommune – „das war eine Enttäuschung.“ Besonders der Widerspruch zwischen nach außen deklarierter Freiheit und innerer rigider Herrschaft. Daraufhin ist er dann ganz gezielt nach Chile gegangen, um sich die Entwicklung dort anzuschauen.

Am Stadtteilplenum also nimmt er so gut wie regelmäßig teil, und vor einem halben Jahr hat er sich dort in den Quartiersrat wählen lassen. Nicht nur als interessierter Bürger, das auch, sondern außerdem als Vertreter des Siemens Turbinenwerkes in der Huttenstraße. Die dortige Werksleitung ist sich ihrer Nachbarschaft ja durchaus bewusst.

„Ich bin aus Herz und Seele Techniker und Vertriebsmann“, sagt Franz Plich. Doch seine Karriere führte ihn nicht auf den üblichen beruflichen Erfolgsstraßen zu Siemens. Davor war er sechs Jahre lang Hausmann. Seine Frau musste als Ärztin so ca. 70 Stunden im Krankenhaus arbeiten – und er eben für den Sohn da sein. Nach der „Babypause“ und einer weiteren nach einem Sportunfall, „wollte ich nur noch arbeiten, und gut arbeiten, und das hat mir Spaß gemacht.“ So fiel er, wenn man so will, die Karriereleiter hinauf, und kandidierte, oben angekommen, für den Betriebsrat der Siemens Serviceorganisation. Das war Anfang des Jahres. Er wurde mit großer Mehrheit gewählt und dann gleich zum Betriebsratsvorsitzenden. Jetzt vertritt er die Interessen von 600 Mitarbeitern – das Turbinenwerk mit 1.900 Mitarbeitern hat einen eigenen Betriebsrat – und hatte kürzlich seine erste Rede vor der Betriebsversammlung zu halten. „Das hat mir richtig Spaß gemacht.“ Neben seiner Begeisterung für die Technik hat er sich schon immer, wie er sagt auf der Bühne wohl gefühlt und als „Industrieschauspieler“ gesehen.

Inzwischen ist Franz Plich, wie er sagt, „glücklich geschieden“ und besucht alle zwei Wochen seine neue Lebensabschnittsgefährtin und den zweiten Sohn auf einem Bauernhof südlich von Bremen. Eigentlich ja ganz gerne, wenn nur das Grün und die Natur nicht wäre. „Ich bin halt ein Stadtmensch.“ Wien, New York, Paris, wieder Wien und dann Berlin, das waren seine Stationen.

Und ein halbes Jahr Chile. „Ich bin auf keinen Fall ein Antiamerikaner. Ich habe ja 18 Monate in New York studiert, und verdanke den US-Amerikanern viel.“ Nur der Monopolisierung des 11. September für ihre Trauer und der Instrumentalisierung für ihre Kriegs-Politik wollte er etwas entgegen setzen. „Für mich persönlich hat der 11. September 1973 die größere Bedeutung und ich wollte gegen das Vergessen angehen und Zusammenhänge benennen. Dabei möchte ich die Trauer der Amerikaner nicht stören.“ 

aus stadtplan. mitte Ausgabe Nr. 44, November 2006

Burkhard Meise