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Geschichte der sozialen Entwicklung in Moabit West

Explosionsartige Bevölkerungszunahme

Quelle: Mitte Museum, Bezirksamt Mitte von Berlin
Mietskasernen und Hinterhöfe: aus dem Bilderzyklus "Alltag einer Arbeiterfrau" der Grafikerin Uta Gerlach.

Die vielen Erfolgsgeschichten der Industrie in Moabit sind hauptsächlich diejenigen von Unternehmern und Bauspekulanten. Die Arbeiter dagegen lebten immer unter schwierigen Bedingungen.

Erhebliche Veränderungen der politischen und sozialen Landschaft waren die direkte Folge der Industrialisierung.

Zwischen den Jahren 1858 und 1890 wuchs die Bevölkerung von 10.000 auf 93.000 Einwohner. Ursache dafür war die Ansiedlung der Industriebetriebe, die ein großes Angebot an Arbeitsplätzen offerierten, und die daraus resultierende Bauspekulation, die Moabit in ein dicht bebautes Arbeits- und Wohngebiet verwandelte.

Im Jahre 1801 lebten 120 Menschen in Moabit, im Jahre 1820 doppelt so viel: 247 Menschen. Danach stieg die Einwohnerzahl rasant: Im Jahre 1858 hatte Moabit schon fast 10 000 Einwohner. Zu diesem Zeitpunkt leitete Borsig seit 8 Jahren sein Werk an der Spree.

Im Jahre 1880 hatte der Bau von Mietskasernen begonnen, Moabit zählte 29 693 Einwohner. 1887 eröffnete Bolle seine Anlage an der Spree, 1888 kam Loewe nach Moabit. Es gab bereits 93 000 Einwohner (1890).

Als die AEG-Turbinenhalle in der Huttenstraße 1908-09 gebaut wurde, hatte der Ortsteil Moabit schon 190 000 Einwohner (1910).

Die Bevölkerung bestand fast ausschließlich aus Arbeitern. Diese Konzentration der Arbeiterbevölkerung brachte ein kulturelles Milieu hervor, in dem Solidarität die einzige Möglichkeit war, gegen die vorherrschenden miserablen Bedingungen der Wohn- und Arbeitverhältnisse zu kämpfen.

Mitte der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts waren schon um die 50% der dort wohnenden Arbeiterbevölkerung in den Moabiter Werken tätig. Die gewerkschaftliche und politische Organisation der Arbeiterschaft bildete ein Gegengewicht zu dem ständigen Wachstum der ansässigen Unternehmen. Die Wohnverhältnisse, die Arbeitsbedingungen, die Wirtschaftskrisen und die Rezession förderten das politische Bewusstsein der Bevölkerung, die sich in Gewerkschaften und Parteien organisierte.

Gewerkschaften und Arbeiterpartei

Aus: „Hinterhof Keller und Mansarden“, Einblicke in Berliner Wohnungselend, S. 132, Gesine Asmus (Hg), Rowohlt, 1982
Heimarbeit in der Beusselstraße (1911). Untersuchungen über Wohnverhältnisse durchgeführt von der „Krankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker“. Hier schläft die Patientin in diesem Raum mit der Mutter und drei Geschwistern. Tagsüber verrichtet sie Heimarbeit. Die Kinder müssen auch dabei helfen.

Die Gewerkschaften leisteten die Arbeit in den Betrieben, sie nahmen sich der Arbeitslosen an, organisierten Streiks, kämpften für die Einhaltung des Verbots der Kinderarbeit und vor allem für eine Verbesserung der Löhne (1905 bekam ein Transportarbeiter der AEG 30 Pf pro Stunde, ein Schraubendreher bei Siemens 43 Pf, ein Werkzeugmacher kam auf bis zu 65 Pf).

Schon 1905 kam es zu Streiks und Aussperrungen in der Elektroindustrie. Ausschreitungen zwischen Arbeitern und Polizisten fanden in der Beusselstraße statt, die wie mehrere Nebenstraßen gesperrt wurde. 

Kulturelle und politische Bildung der Menschen, Streiks und gewerkschaftliche Arbeit in den Betrieben sowie Kundgebungen und Demonstrationen waren die drei wesentlichen Aspekte des politischen Lebens.

Die Sozialdemokratie fand im Beusselkiez große Zustimmung in der Bevölkerung. An verschiedenen Orten wurden Veranstaltungen und Versammlungen abgehalten, wie z.B. in der Kronenbrauerei, Alt-Moabit 47-49, im Moabiter Gesellschaftshaus, Wiclefstraße 24, oder in den Moabiter Bürgersälen, Beusselstraße 9. Junge Sozialisten trafen sich wöchentlich in dem Lokal von Friedrich Pilz in der Rostocker Straße 27.

Der Stimmenanteil der Sozialdemokraten betrug 1880 49% in den roten Wahlkreisen, 1903 war er schon 61 %.

Das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht ab 20 Jahren, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung in Reich, Provinz und Gemeinde sowie Gesetzgebung durch das Volk, freie Meinungsäußerung, Gleichberechtigung der Frau wurden im Parteiprogramm gefordert. Außerdem vertraten die Arbeiter den Achtstundentag, das Verbot der Kinderarbeit und die Übernahme der Arbeiterversicherung durch das Reich.

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich der Beusselkiez schon zu einer Hochburg der linken Sozialdemokraten und Kommunisten entwickelt. Der Kampf gegen das Dreiklassenwahlrecht wurde das zentrale Thema. Gewählt werden konnten nur Besitzende, wählen durften nur die Menschen, die regelmäßig eine Mindeststeuer bezahlten. Sie wurden je nach Steueraufkommen in drei Klassen aufgeteilt, so dass die 1. und 2. Klasse mit 15,5% Wählern doppelt soviel Gewicht hatte wie die 3. Klasse mit 84% der Wähler. Ausgeschlossen vom Wahlrecht waren Nicht-Preußen, Arbeitslose, Obdachlose, Schlafburschen, Wohlfahrtsempfänger und natürlich Frauen. Dieses Gesetz bedeutete, dass einem großen Teil der Bevölkerung die politische Gleichberechtigung verweigert wurde.

Sozialdemokraten und Spartakus-Gruppen gewannen an Bedeutung. Moabit wurde neben Wedding der rote Bezirk im Norden Berlins.

Demonstrationen

aus "Bewaffneter Aufstand! Enthüllungen über den kommunistischen Umsturzversuch am Vorabend der nationalen Revolution", Adolf Ehrt
Karl Liebknecht auf einer Kundgebung im Tiergarten.

Die Löhne stagnierten, Lebensmittel- und Mietpreise stiegen in die Höhe. In diesem Zusammenhang wurden Kundgebungen der Sozialdemokraten verboten.

Am 6. März 1910 wurde die Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht durch die Organisatoren vom Treptower Park in den Tiergarten verlegt. Die Polizei, die mit großem Aufgebot in Treptow auf die Demonstranten wartete, fühlte sich hochgradig blamiert. Das erklärt das aggressive und repressive Verhalten der Polizei, vor allem des Polizeipräsidenten Traugott von Jagow, während des Streiks in der Kohlehandlung Kupfer wenige Monate später. 

Der erste Weltkrieg gab den Arbeitern Anlass, auch ihren Pazifismus zum Ausdruck zu bringen. Sozialdemokraten und Kommunisten verbreiteten illegale Flugblätter für den Frieden und gegen das Reich.

Am 1. Mai 1916 fand eine Friedenskundgebung auf dem Potsdamer Platz statt. Kurz danach am 28. Juni 1916 lief der erste politische Massenstreik während des Krieges. Anlass war die Verhaftung von K. Liebknecht. Arbeiter von AEG und Loewe beteiligten sich an dem Proteststreik und zogen mit zur Lehrter Straße, wo der Prozess stattfand.

Im Februar 1917 und im April 1917 folgten Streiks wegen der Kürzung der Brotrationen und des Mangels an Heizmaterial, dabei wurde die Forderung nach Friedensverhandlungen, nach besserer Lebensmittelversorgung, nach Aufhebung des Belagerungszustand und Freilassung politischer Gefangener nicht vergessen. Arbeiter aus der Turbinenfabrik und von Loewe (ca. 15.000 Männer und Frauen) zogen durch Alt-Moabit in Richtung Stadtzentrum, ohne Erfolg.

Im Januar und Februar 1918 kam es zu einer großen Streikbewegung in ganz Berlin. Bei den Metallarbeitern brach ein Streik aus. Tausende von Arbeitern versammelten sich und verlangten Frieden und Demokratisierung der Gesellschaft. An der Gotzkowskybrücke entfachten sie Straßenkämpfe gegen die Polizei. Der Streik dauerte nur ein paar Tage, es folgten Verhaftungen und Repression. In anderen Stadtteilen gab es Tote und Verletzte.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges gerieten die Sozialdemokraten in der Regierung in eine katastrophale Situation. Sie führte zur Abspaltung der radikalen Kommunisten und der USPD (unabhängige Sozialdemokraten). In der Weimarer Republik verlor die Sozialdemokratie an Bedeutung. 1920 wählte über die Hälfte der Arbeiter kommunistisch.

Am 3. März 1919 wurde in ganz Berlin ein politischer Generalstreik ausgerufen. In Moabit kam es dabei zu einzelnen Kämpfen. Der Streik, vielleicht ein Zeichen der Uneinigkeit innerhalb der Arbeiterbewegung, wurde ohne Erfolg am 8. März beendet.

Die sozialen Kämpfe bestimmten das Leben der politisch engagierten Arbeiter, aber leider auch die Auseinandersetzungen innerhalb der Arbeiterbewegung.

Eine gewisse Verbesserung der hygienischen und schulischen Verhältnisse für die Arbeiter, eine positive Entwicklung im Wohnungswesen war der Verdienst der SPD. KPD und USPD entfernten sich aber von der SPD, lehnten eine politische Arbeit mit ihr ab und führten den Kampf gegen die Regierung.

Die 30er Jahre

aus „Widerstand in Mitte und Tiergarten“, S. 11, Hans-Rainer Sandvoß, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 1999
Politische Unruhen während der Weimarer Republik. Barrikaden der KPD in der Rostocker Straße (Sommer 1932)

Erneut wurde der Beusselkiez in den 30er Jahren zur Szene für soziale Unruhen. Das soziale Elend im Viertel führte zu Mieterstreiks. Mietzahlungen wurden boykottiert, Wohnungen in der Berlichingen-, Wittstocker- und Gotzkowskystraße wurden zwangsgeräumt. Die KPD unterstützte diese Streiks, die zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und zu Verhaftungen führten.

Als die NSDAP immer stärker wurde, wurde Moabit Schauplatz heftiger Straßenkämpfe zwischen kommunistischen Arbeitern und der SA. Der außerparlamentarische Kampf schien die einzige Lösung gegen die Wahlerfolge der Nationalsozialisten: Kundgebungen, Verbreitung von Schriften, Hilfe für Regimeverfolgte. Noch 1932 kämpfte die KPD gegen die SA. Die Moabiter mussten noch Straßenkämpfe und Barrikaden in Moabit erleben. Am 1. Mai 1933 organisierten KPD und Gewerkschaften eine Gegenveranstaltung zum Aufmarsch der NSDAP.

Gewerkschaften und linke Parteien konnten sich schwer gegen die NSDAP wehren und verloren viele Mitglieder. Die Nationalsozialisten hatten nämlich bereits im Juli 1934 die Zahl der Arbeitslosen auf 38.000 gesenkt, die Zahl der Wohlfahrtsempfänger auf 10.000. Die Arbeiter sahen Verbesserungen in der Rüstungs-, Elektro- und Metallindustrie und vergaßen den politischen Kampf.

Durch die nationalsozialistische Diktatur und den 2. Weltkrieg verlor Moabit seine Bedeutung als radikales, politisch engagiertes Arbeiterviertel. Wiederaufbau, Einführung der neuen Währung, politische Teilung des Staates waren die Hauptsorgen der Bevölkerung. Die Zeiten des „roten Moabit“ waren vorbei.

Die Veränderung der Wohnsituation ab Mitte des 19. Jhds.

Bild: Mitte Museum, Dauerausstellung.
Aus dem Bilderzyklus „Alltag einer Arbeiterfrau“ der Grafikerin Uta Gerlach. Wäsche in der Küche. Die feuchte Luft lässt die Wände schimmeln und schädigt die Gesundheit der Familie.

Moabit wird ein Stadtteil Berlins

Am 1. Januar 1861 begann ein neuer Abschnitt in der Stadtentwicklung von Moabit. Der Stadtteil wurde in die Gemarkung Berlins eingemeindet. Nur das Martinickenfeld südlich der Huttenstraße war damals noch auf Charlottenburger Gebiet, sie sollten erst ab 1838 zum Bezirk Tiergarten gehören.

Bis dahin behielt der Ort seinen ländlichen Charakter mit Straßen ohne Befestigung, ohne Beleuchtung. Nun konnte der Hobrecht-Plan „Bebauungsplan für die Umgebung Berlins“ in Kraft treten. Straßennetz, Kanalisation und Grünflächen waren geplant. Die Bebauung der frei gewordenen Grundstücke wurde aber der privaten Bauspekulation überlassen. In Moabit wurde durch Baukomplexe mit mehreren Hinterhöfen eine geschlossene Stadtbauweise geschaffen. Innerhalb von zwanzig Jahren wandelte sich das Straßenbild Moabits.

Wohnungselend und Mietskasernen

Bild Mitte Museum, Dauerausstellung
„Hinterhof“. 2006. gemalt von Hartmut Henicke für das Mitte Museum am Gesundbrunnen.

Von 1880 bis 1912 vollzog sich der Bau der so genannten Mietskasernen. Es waren meistens fünfgeschossige Mietshäuser, dicht aneinander gebaut mit engen, lichtarmen Hinterhöfen, die nur so groß zu sein brauchten, dass eine Feuerwehrspritze darin wenden konnte.

Mehr als 52% der Wohnungen lagen um 1900 in den Hinterhöfen, 45% der Bewohner wohnten in Wohnungen mit nur einem beheizbaren Zimmer. Moabit war, neben der Ackerstraße im Wedding, das am dichtesten bewohnte Gebiet in Berlin.

Überbelegte, kleine Wohnungen, die öfters nur aus einer Küche und einer Stube bestanden, beherbergten kinderreiche Arbeiterfamilien.

Aus: „Hinterhof Keller und Mansarden“, Einblicke in Berliner Wohnungselend, S. 192, Gesine Asmus (Hg), Rowohlt, 1982.
Wohnen in der Waldstraße (Anfang des 20. Jahrhunderts!) Zu dem Raum führt eine dunkle Treppe und ein völlig dunkler Korridor. Die Küche ist trüb und feucht, die Wände völlig verräuchert.

Nicht überall ist die zentrale Wasserversorgung angeschlossen: das Wasser muss dann von der Pumpe auf der Straße oder vom Brunnen im Hof in die Wohnung getragen werden. Auf der halben Treppe findet man die Toilette, die sich mehrere Mietparteien teilen müssen. Häufig fehlt es an Heizmöglichkeiten und sanitären Einrichtungen. Die schlechten Wohnverhältnisse sind die Ursache für Krankheiten und für Epidemien.

1893 wurde eine Untersuchung der „Berliner Arbeiter Sanitätskommission“ veröffentlicht, die die Lebensbedingungen in Mietskasernen als verheehrend bezeichnete. Von 1902 bis 1920 führte die „Ortskrankenkasse für den Gewerbebetrieb der Kaufleute, Handelsleute und Apotheker“ regelmäßig ähnliche Untersuchungen durch: ohne nennenswerte Reaktion seitens der Regierung. Erst 1918 wurde auf Reichsebene eine Wohnungsaufsicht eingeführt.

Heimarbeit der Frauen

Bild: Mitte Museum, Dauerausstellung.
Aus dem Bilderzyklus „Alltag einer Arbeiterfrau“ der Grafikerin Uta Gerlach. Heimarbeit der Arbeiterfrau. Sie verbringt 10 bis 12 Stunden am Tag an der Nähmaschine im Auftrag einer Berliner Bekleidungsfirma.

Verheiratete Frauen arbeiteten selten außerhalb der Wohnung (im Jahre 1900 arbeiteten nur 6% der verheirateten Frauen in einer Fabrik). Meist verrichteten sie schlecht bezahlte Heimarbeit für Berliner Firmen. Bei einer Arbeitszeit von 10 bis 12 Stunden pro Tag verdienten sie ungefähr ein Viertel des Lohnes eines männlichen Arbeiters. Kinder mussten auch oft zum Familieneinkommen beitragen. Sie halfen den Müttern bei der Heimarbeit oder übten andere Tätigkeiten (als Laufburschen, Zeitungsausträger,…) aus.

Manche Familien vermieteten Betten an so genannte Schlafburschen, um ihr Einkommen aufzubessern. Es waren meist allein stehende Männer, die als Untermieter eine Schlafgelegenheit nutzten, ohne Anrecht auf Aufenthalt in der Wohnung außerhalb der Schlafzeit.

Die Sozialstrukturen in der Arbeiterschaft wandelten sich nach dem ersten Weltkrieg. Die Frauen waren während des Krieges in den Fabriken eingesetzt worden, sie errangen 1919 das Wahlrecht und ihre Löhne wurden erstmals geringfügig erhöht. Es änderte sich jedoch nichts Wesentliches an der Wohnmisere.

Reformanlage in der Sickingenstr. 7-8

Foto: Mitte Museum
Sickingenstraße 7-8. Reformwohnanlage 1893-94 von Alfred Messel gebaut.

Eine erfreuliche Alternative zu dem Mietskasernenbau privater Eigentümer findet man in Moabit West in der Sickingenstraße 7-8. Diese Reformwohnanlage wurde 1893-94 von Alfred Messel (Architekt des Pergamonsmuseums u.a.)  im Auftrag des Berliner Spar- und Bauvereins gebaut. Für die Errichtung dieser genossenschaftlichen Wohnungen wurden zwei nebeneinander liegende Grundstücke gekauft. Daher konnte der Innenhof geräumig und hell gestaltet werden. Ein- und Zweizimmerwohnungen wurden mit Innentoilette, Heizung und Balkon ausgestattet. Gemeinschaftliche Räume, Baderaum und Bibliothek förderten das gemeinschaftliche und gesunde Leben, was die direkte Intention der Genossenschaft war.

Der Bau dieses Hauses war eine ästhetisch äußerst ansprechende Antwort der Wohnungsgenossenschaft auf die Erzeugnisse der Spekulanten des privaten Wohnungsmarktes.

Infrastruktur

Foto: Ford
Westhafen 1980. Lagerhallen am Moabiter Westhafen (Ford-Werke).

Industrialisierung und Urbanisierung gehörten im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast zwangsläufig zusammen.

Die Firmengründungen und der daraus resultierende Bevölkerungsanstieg verlangten den Ausbau einer neuen Infrastruktur, die den in der Bevölkerung neu entstandenen Bedürfnissen entsprach.

Im Großraum Berlin fand um die Jahrhundertwende (1900) eine radikale Änderung der gesamten Infrastruktur statt, die besonders dicht besiedelte Viertel betraf. In dieser Zeit war die industrielle Entwicklung von Moabit West (Beusselkiez und Hutteninsel) im Wesentlichen abgeschlossen, eine Ausdehnung des Viertels war nicht mehr möglich.

Die ganze Stadt und natürlich Moabit erlebten eine ständige Verbesserung des Verkehrnetzes, der Wasserversorgung, der Kommunikationswege und des Strom- und Gasnetzes.

Die Verkehrsanbindungen entwickelten sich rasch. Die Wasserwege waren schon ausgebaut. 1848-49 wurde der Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal gebaut, 1875 der Charlottenburger Verbindungskanal eröffnet. Sie verloren an Wichtigkeit, als die Straßen befestigt, beleuchtet und neu gebaut wurden.

Die öffentlichen Verkehrsmittel brachten Tag für Tag einen Teil der Arbeiter, die außerhalb Moabits wohnten, zu den Fabriken des Viertels.

1902, als in Berlin die erste U-Bahn gebaut wurde, fuhr die letzte Pferdebahn und 1905 fuhren die letzten Pferdeomnibusse. Bis ins 20. Jahrhundert hinein konnte man Pferdefuhrwerke auf den Straßen sehen, wie z. B. die der Firma Ernst Kupfer & Co in der Sickingenstraße, als der Streik ausbrach.

Verkehr

Foto: Mitte Museum
Straßenbahn der Linie 25, Gotzkowskystraße Richtung Turmstraße im Jahr 1961.

Die Eisenbahn, die seit 1838 in Betrieb war, behielt ihre Dampf-Tenderlokomotiven bis zum Ende der 20er Jahre. Aber die erste Elektroeisenbahn fuhr schon 1881, ein Jahr nachdem die Stadtbahn ihren Betrieb aufgenommen hatte.

Die Elektrifizierung der Stadt kam auf allen Gebieten einer Revolution gleich. Am Rande des Beusselkiezes, am Friedrich-Krause-Ufer 10-15 , nahm 1900 die von der AEG errichtete „Centrale Moabit“ den Betrieb auf. Die Beleuchtung der Straßen und der Wohnungen wechselte von Gas auf Elektrizität. Die Industrie nutzte ebenfalls zunehmend diese Energiequelle. Der Absatz der Moabiter Zentrale zeigte deutlich diese Entwicklung: während 1898 die Hälfte der Stromproduktion der Beleuchtung diente, war es 1900 nur noch ein Viertel.

Die Ansiedlung von großen Werken zog das Erscheinen von verschiedenen kleineren Unternehmen und Werken nach sich, z. B. in der Lebensmittel- und Genussmittelindustrie (Kronenbrauerei Alt-Moabit 47-48). Die Eröffnung zahlreicher Läden erlaubte eine gute Lebensmittelversorgung der Bevölkerung.

Der Westhafenkanal an der Nordgrenze von Moabit-West wurde 1919-23 fertig gestellt. Mit seinen zwei Hafenbecken, seinen drei Lagerhallen, Getreidespeichern und Ladeplätzen konnte er eine große Einfuhr an Gütern bewältigen. Daher war seine Rolle in der Lebensmittelversorgung, ein paar Jahrzehnte später, nach seinem Wiederaufbau 1946-49, in Krisensituationen, prädominant. 

Der Ausbau der Kanalisation war in dem extrem dicht besiedelten Moabiter Arbeiterviertel eine Notwendigkeit, die nicht nur das tägliche Leben erleichterte, sondern auch Voraussetzungen für eine bessere Hygiene schuf. 1874 wurde das Viertel an die Berliner Wasserleitung angeschlossen. Das Krankenhaus Moabit, 1872 aus einem „Not-Baracken-Krankenhaus“ in der Turmstraße entstanden, sorgte für die medizinische Betreuung vieler Arbeiter des Beusselkiezes.

Neue Lebensstrukturen

Foto: Mitte Museum
Straßenbahndepot in der Wiebestraße

Das gemeinschaftliche und kulturelle Leben bereicherten Kinos, Bibliotheken und nicht zuletzt Lokale. Der Turn- und Sportverein Gutmuths, heute an der Wullenweberstraße, wurde 1861 gegründet.

In jedem Gebiet wurde gebaut: Friedhöfe, Kirchen und Schulen. Zwischen 1898 und 1915 wurden von dem als großer „Schularchitekt“ anerkannten Ludwig Hoffmann fünf Schulen in Moabit West gebaut, je eine Schule in der Rostocker Straße, Wiclef- und Waldenserstraße und zwei in der Zwinglistraße.

Wie in der Schularchitektur kann man den Wandel in der Industriearchitektur deutlich an den Moabiter Bauten ablesen. Die AEG-Turbinenhalle in der Huttenstraße (1908-09), nach Entwürfen von Peter Behrens gebaut, wurde von der zeitgenössischen Kritik als architektonische Sensation empfunden. Das neue Verwaltungsgebäude der Werkzeugmaschinenfabrik Loewe, ebenfalls in der Huttenstraße, entstand (1907-11) nach Entwürfen von Alfred Grenander und wurde mit seinen Türmen und Giebeln als eine Neuerung in der Industriearchitektur gefeiert.

Anschaulich belegt die Industriegeschichte von Moabit West wie abhängig die wirtschaftliche Entwicklung vom Vorhandensein der nötigen Infrakstruktur ist, und wie förderlich wiederum für die Entwicklung zahlreicher Einrichtungen und Marktzweige die Existenz der Industrie war.

...und heute?

Foto: Mitte Museum
Gemeindeschule Wiclefstraße 51-54, ehemalige Gemeinde Doppelschule für Mädchen und Jungen. Erbaut 1901-02 nach Plänen von L. Hoffmann. Im 2. Weltkrieg zerstört.

Durch die Schließung der Werke, das Sterben der Industrie und die Globalisierung gingen in allen Arbeitervierteln Berlins tausende Arbeitsplätze verloren. Wenngleich das Gebiet Martinikenfelde in Moabit West noch immer das größte innerstädtische Industriegebiet ist, herrscht dennoch eine hohe Arbeitslosigkeit in den direkt angrenzenden Wohngebieten. Trotz der direkten Nähe des Regierungsviertels und des neuen Hauptbahnhofs fehlt ein entscheidender wirtschaftlichen Anstoß, der dem Stadtteil neue Perspektiven aufzeichnen könnte.

Arbeitslosigkeit und Armut zeigen sich auf keinen Fall förderlich für das gemeinsame Leben. Jedoch beobachtet man in Moabit einen Zusammenhalt und ein Gemeinschaftsgefühl unter den unterschiedlichsten Gruppen von Menschen verschiedener Herkunft.

Arbeitsemigranten kamen immer nach Moabit. Am Anfang der Industrialisierung stammten sie aus ländlichen Gebieten wie Schlesien, Preußen, Polen. In den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden viele türkische Arbeiter nach Berlin geholt, die jetzt in der dritten bis vierten Generation hier leben. Die arabische Gemeinschaft bereichert das gemeinsame Leben mit ihren zahlreichen Geschäften. Deutsche und Personen aus dem früheren Jugoslawien, Afrika oder Asien leben hier in direkter Nachbarschaft. Der Anteil ausländischer Staatsbürger an der Moabiter Bevölkerung beträgt um die 36%.

Aber allein die Mitbürger aus der Europäischen Union dürfen an den Wahlen teilnehmen, ohne dass eine Ausweitung des Wahlrechtes auf die anderen ausländischen Einwohner aktuell wäre.

Außerdem zeigen die verschiedenen Nachbarschaftseinrichtungen das hohe Engagement der Einwohner. Sozial-kulturelle Arbeit, Verbesserung der Lebensqualität und die Forderung nach Integration, die nicht nur Menschen ausländischer Herkunft betrifft, sind thematische Schwerpunkte der Stadtteilarbeit.

Foto Mitte Museum
Job Center. Sickingenstraße70/71 /Ecke Berlichingenstraße. Wo früher die AEG-Telefunken zeitweise mehr als 1000 Arbeiter beschäftigte, werden heute um die 50 000 Akten von Arbeitslosen verwaltet.

… und symbolisch für den tiefgreifenden strukturellen Wandel der europäischen Gesellschaft, der auch in Moabit West abzulesen ist, ist das Gebäude in der Sickingenstraße 70-71/Ecke Berlichingenstraße 25. Es ist der ehemalige Sitz der seinerzeit überaus florierenden „AEG-Glühlampenfabrik/Telefunken-Röhren-Fabrik“.

Die Firma beschäftigte sogar in der schlimmsten Zeit der Rezession (1901-02) 1.841 Arbeiter und Angestellte. 1929 waren es 2.700. In ihrer erfolgreichsten Zeit, (natürlich bedingt durch die nationalsozialistischen Verbreitung des Rundfunks), gipfelte die Zahl in 9.000 Beschäftigten.

Heute wird dieses Gebäude von der Agentur für Arbeit als Job-Center des Bezirks Mitte benutzt. Es ist Anlaufstelle für insg. über 50.000 beschäftigungslosen Menschen des Bezirks, die von hier aus finanzielle und beratende Unterstützung erhalten.

Frau Jacqueline Goineau