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Stadtteilplenum Moabit West

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Zusammenleben der Religionsgemeinschaften in Moabit

Moderatorin Susanne Torka, Reinhard Fischer (Berliner Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit) und Beatrice Pfitzner (QM Moabit West)

Moderatorin Susanne Torka
Polizist Karl Bösel
Matthias Schnauss (Lernort Stadtnatur)
Thomas Büttner (ZiD e.V.)
Reinhard Fischer, Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit
Nushin Atmaca vom Liberal-islamischen Bund e.V.

Es war das letzte Plenum in diesem Jahr, weil im Dezember keines stattfindet: Am 17. November 2015 luden der Moabiter Ratschlag e. V. und die S.T.E.R.N. GmbH zum Stadtteilplenum in den Nachbarschaftstreff. Als Gastgeberin empfing wie gewohnt Moderatorin Susanne Torka, die alle Anwesenden zunächst zu einer Schweigeminute für die Terroropfer der Anschläge in Paris und alle anderen Opfern von Terror und Krieg in der Welt bat.

Unter dem Tagesordnungspunkt „Aktuelles aus dem Kiez“ berichtete zuerst der Präventionsbeauftragte der Polizei, „unser Polizist“ Karl Bösel, über die neue Beleuchtung in der Waldstraße auf dem Stück zwischen Wiclef- und Turmstraße. „Das Plenum erfährt als Erstes davon, es ist also eine exklusive Nachricht,“ betonte er. Vor dem Hintergrund zahlreicher aufgebrochener Autos im verkehrsberuhigten und ziemlich dunklen Bereich der Waldstraße werden bald 6 oder 7 LED-Leuchten installiert, die die Beleuchtung erheblich verbessern sollen. Das kam zustande durch eine Kooperation der Polizei mit der Senatsverwaltung für Inneres. Und die Anwohner werden auch einbezogen. Sie können sich dazu äußern, welcher Typ der LEDs ihnen am besten gefällt. Eine Befragung soll ergeben, welche der neuen Leuchten im Straßenbild am gefälligsten sind. Diese werden dann endgültig installiert.

„Neugierig sein und bleiben“, so könnte man ein Motto für den Lernort Stadtnatur auf dem Otto-Spielplatz aufstellen, der immer mehr Kindergarten- und Schulkindern wunderbare Erlebnisse verschafft. Die Bildungsqualität im Quartier stärken möchte diese Maßnahme, deren Projektleiter Matthias Schnauss vom Moabiter Ratschlag e.V. ist. Er berichtete im Plenum u. a. von der dort integrierten „Erlebniswelt Erneuerbare Energien“, in der die Kinder z.B. Solar-Propeller, Heißluft-Zeppelin, Sonnenuhr, Abflusssauger „kleben“, CD-Luftkissen-Gleiter und viele andere spannende Dinge kennenlernen. Seit 2012 existiert der Lernort Stadtnatur. Seit 2015 befindet er sich in einer erfreulichen neuen Phase mit selbst eingeworbenen finanziellen Mitteln. Ziel ist es, 2016 ganz auf eigenen Füßen zu stehen und dann ohne Förderung durch das QM auszukommen. Matthias Schnauss erwähnte viele Dinge, die die Kinder bei ihm und seinen Kollegen erleben: kleine Mini-Gewächshäuser für Zuhause bauen und Kartoffelpflanzsäcke mit Erde befüllen, Experimente machen z. B. mit Blättern, Pflanzen verkosten, den Prozess von säen, pflanzen und ernten kennenlernen, die Artenvielfalt wertschätzen, Bienen beobachten, und auch gemeinsam – nach der Ernte - schnippeln und essen.

Zu den pädagogischen Grundsätzen gehört es, dass hier erlebnisorientiert und spielerischer als in der Schule herangegangen wird, um Zusammenhänge zu verstehen. Im "Solar-Ernährungscontainer" beispielsweise kann man viel zu gesunder Ernährung erfahren und direkt aus dem Garten kommend etwas zubereiten und essen. Matthias Schnauss berichtete stolz von der Eröffnung des Wasserspielhauses am 13. Oktober 2015. Dort kann der Nachwuchs Phänomene des Wassers erforschen, z. B. mit Pumpe, Wasserspeier, Strom-Wasserrad, Wasser-Klangschale, Wassertisch und Wirbelbecken.

Mittlerweile hat der Lernort Stadtnatur einige Unterstützer gefunden: TOTAL fördert die „Erlebniswelt Erneuerbare Energien“, der Erbbauverein Moabit unterstützte z. B. das Weidentipi, die Yumme Stiftung fördert alles rund um gesunde Ernährung usw.

Gebraucht werden noch ehrenamtliche handwerkliche Unterstützer. Kontakt zum Lernort Stadtnatur und Matthias Schnauss: http://moabiter-ratschlag.de/otto-spielplatz/projekt-lernort-stadtnatur-erlebniswelt-erneuerbare-energie http://www.nachhaltig-berlin.de/

Im Anschluss referierte Thomas Büttner, der seit 7 oder 8 Jahren im Verein „Zentrum für interreligiösen Dialog Berlin Moabit“ (ZiD e.V.) engagiert ist, über das Thema "10 Jahre Moabiter Erklärung für ein friedliches Zusammenleben".

Was bisher geschah bzw. was in den 10 Jahren erreicht wurde?

Thomas Büttner berichtete von 2002, als es auf Initiative des QMs Moabit West ein erstes Treffen von Religionsgemeinschaften gab, darunter eine evangelische, eine muslimische und eine freikirchliche Gemeinde. Später wurden Kaminabende zu Themen wie der Rolle der Frau in den verschiedenen Religionen und dazu, wie demokratisch die Religionen sind, organisiert. Es gab Benefizveranstaltungen wie die für die Flutopfer in Pakistan 2011 und jedes Jahr ein "Fest der Vielfalt". 2005 wurde die "Moabiter Erklärung für ein friedliches Zusammenleben" abgegeben und 2007 entstand der Verein für interreligiösen Dialog. Dieser konnte z. B. Senatsmittel aus dem Programm "Berlin gegen Gewalt" akquirieren und damit Projekte wie die Tandems finanzieren. Tandem bedeutet in diesem Fall, dass mit zwei Leuten - einem Vertreter einer christlichen und einer muslimischen Gemeinde - Schulen besucht und dort im Ethik-Unterricht mit den Schülern über die Religionen gesprochen wird. 2012 gab es eine Festveranstaltung unter dem Motto "10 Jahre internationale Begegnung in Moabit", eine Wanderausstellung wurde konzipiert, es gab Besuche von Gruppen wie dem Oberbayerischen Bezirksjugendring und Studenten aus dem Oman. 2015 schließlich fand das Treffen der Religionsgemeinschaften und eine Festveranstaltung "10 Jahre Moabiter Erklärung" statt.

Mitglieder im Verein ZiD sind Evangelische Kirchengemeinde Moabit West www.kgmoabit-west.de, die Ayasofya Moschee e.V. , die Bethania Gemeinde  (Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde/Baptisten K.d.ö.R.) www.bethania.de , die Evangelische Kirchengemeinde St. Johannis , www.st-johannis-berlin.de, das Haus der Weisheit (Darul-Hekma HadeWe e.V.) die Evangelische Erlöser-Kirchengemeinde Berlin Moabit www.erloesergemeinde-moabit.de Als natürliche Personen sind unter anderem Angehörige der Katholischen Pfarrgemeinde St. Paulus, der Evangelischen Heilige-Geist-Gemeinde, des Pakistanischen Kulturvereins e.V., der Religion der RastafarI und der buddhistischen Glaubensgemeinschaft Soka Gakkai International (SGI) sowie Personen ohne spezifische Religionszugehörigkeit beim ZiD mit im Boot.

In diesem Jahr gab es auch eine Befragung der Mitglieder dazu, wie sich das Zusammenleben im Kiez entwickelt hat. Die Ergebnisse dieser "Kurzerhebung" können wir hier nicht komplett wiedergeben, zu den wichtigsten Aussagen gehörten laut Thomas Büttner folgende:

1.   Die kulturelle Mischung sei heute vielfältiger als 2005, es gebe mehr Übung im Umgang mit den verschiedenen Kulturen, aber auch mehr Abgrenzung. Man bleibt unter sich. Respekt und Akzeptanz sind gewachsen, zumindest gebe es eine friedliche Koexistenz. Daraus folgerte Thomas Büttner, dass noch Einiges zu tun sei, man sich aber auch schon etwas zusammengerauft habe.

2.   Gemeinden: Die christlichen sind kleiner geworden und multikultureller (u. a. durch Christen aus Afrika), die muslimischen hingegen größer. Manche von ihnen waren/sind auf der Suche nach Gebetsräumen wie der Pakistanische Kulturverein, der in der Folge nach Wedding umziehen musste.

3.   Die Treffen der Religionsgemeinschaften bzw. der ZiD e.V. funktionieren als Plattform. Bei bestimmten Anlässen wie z. B. bei einer umstrittenen Ausstellung in der Galerie Nord (Kulturverein Tiergarten) konnte deeskalierend interveniert werden. 

Wie geht es weiter?

Geplant ist der weitere Austausch, sich gegenseitig wertzuschätzen, sich z. B. zu den Feiertagen zu gratulieren, gemeinsame Aktivitäten weiter zu pflegen und im Gespräch zu bleiben. Auf religiöser Dialogebene sollten die religiösen Bedeutungen nicht so hoch gehängt werden, bemerkte Thomas Büttner. Dagegen sollte man eher Schnittmengen und Gemeinsamkeiten betonen, z. B. bei der Flüchtlingsthematik.

Zu den konkreten Vorhaben gehört, dass derzeit die Dokumentation "15 Jahre interreligiöser Dialog und interkulturelle Begegnungen in Moabit" angefertigt wird, und dass eine Zukunftswerkstatt des ZiD e.V. am 7. Dezember 2015 von 18 bis 21 Uhr stattfindet. Ziel dieser Veranstaltung ist es, mehr Mitstreiter und Netzwerkpartner in den Verein zu bekommen. Außerdem sollen Strategien entwickelt werden, um wieder mehr finanzielle Unterstützung zu erhalten.

Kontakt zum Zentrum für interreligiösen Dialog Berlin Moabit e.V.: www.zid-berlin.de

Aus dem Plenum gab es eine Nachfrage: Das Wissen über die Religionen sei gerade bei jungen Leuten gering, warum solle die religiösen Bedeutungen dann nicht hoch gehängt werden? Könnte mehr Wissen über die Religionen nicht sogar dabei helfen, junge Leute vom Dschihad abzuhalten? - Thomas Büttner: Es stimmt, viel Wissen ist leider nicht vorhanden und der Abbau von Vorurteilen wäre wichtig, vor allem durch Begegnungen usw. Die Radikalisierung von Jugendlichen kann er schlecht einschätzen, sie sind wohl oft gar nicht so sehr religiös. Großes Augenmerk müssten Eltern und Lehrer darauf legen, wenn sie sich im Verhalten ändern. "Wir sollten versuchen, ihnen mehr Zugänge zu mehr Teilhabe an der Gesellschaft zu verschaffen."

Michael Scherer von der evangelischen St. Johannis Gemeinde, der von Anfang an beim ZiD e.V. dabei ist, sagte, dass "wir radikalisierte Jugendliche nicht kennen, auch die muslimischen Gemeinden nicht." Diese Jugendlichen würden sich vorher aus der Gemeinde herausziehen. Präventionsarbeit findet er das Wichtigste. Bei St. Johannis gab es früher auch Vorurteile gegenüber Moslems, was sich glücklicherweise durch einen Generationswechsel bzw. eine Verjüngung der Gemeinde änderte. Dadurch entstand mehr Offenheit und es gab zwar viel Nebeneinander, aber auch Miteinander wie z. B. die Einladungen zum gemeinsamen Fastenbrechen und zu den Sommerfesten. Er erwähnte amüsiert, dass am 31. Oktober während der Reformationsandacht kleine Kinder türkischer Herkunft herein kamen und – weil an dem Tag auch Halloween gefeiert wird - "Süßes oder Saures" verlangten. Michael Scherer erwähnte auch die jüdischen Mitglieder des ZiD e.V. bzw. die Kontakte in die jüdische Welt: Max Winkelstein, der einige spannende Abende beim ZiD gestaltet, ist inzwischen leider verstorben. Und die Stolperstein-Initiative, die 115 Stolpersteine in der Thomasiusstraße verlegen konnte, trifft sich in den Räumen von St. Johannis.

Peter-Jörg Preuschoff von der katholischen Pfarrgemeinde St. Paulus berichtete davon, dass muslimische Jugendliche die Gottesdienste störten. Das Problem konnte durch Gespräche mit dem Imam, der wiederum die Väter der Störenfriede ansprach, gelöst werden. Bei den Kaminabenden erreicht man nur die Gutwilligen, das sei seine Ansicht. Deshalb sei ein niedrigschwelliger Zugang wichtig, z. B. durch die Tandem-Schulbesuche im Ethik-Unterricht, bei denen über Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Christen und Moslems aufgeklärt wird. Dort geht es dann auch um Details wie jenes, dass die Gebetskette von Moslems und der katholische Rosenkranz eigentlich ganz ähnliche Meditationsformen darstellen. Erzielt wird so ein verbessertes Verständnis füreinander, was übrigens mit den Jüngeren besser als mit den Älteren funktioniert. Peter-Jörg Preuschoff berichtete auch von der katholischen Schule in der Waldenserstraße: Dort sind ein Drittel der Schüler Deutsche, ein weiteres Drittel Polen und Kroaten, und das letzte Drittel ist sehr gemischt. Dort gibt es kein Mobbing aufgrund von Hautfarbe, Aussehen usw. Und nun werden dort auch Willkommensklassen für Flüchtlingskinder eingerichtet. Auch muslimische Kinder können auf diese Schule kommen, wenn die Eltern das wünschen und die christliche Prägung akzeptieren. Als besonderen Höhepunkt erwähnte er den seit Jahren stattfindenden gemeinsamen Martinsumzug von Katholiken und Protestanten. Er geht immer von der Heilandskirche zur Paulusschule oder anders herum. Unter den 500 Beteiligten sind auch viele muslimische Eltern mit ihren Kindern.

Zum Hauptpunkt „Zusammenleben der Religionen“ sprach Reinhard Fischer, der als Referent bei der Berliner Landeszentrale für Politische Bildungsarbeit tätig ist und Islamwissenschaft studiert hat. Reinhard Fischer war vor Jahren selbst Quartiersmanager und ist Mitglied im ZiD e.V. In seinem Vortrag ging es vor allem um die Strömungen im Islam:

Von den 1,3 bis 1,5 Milliarden Muslimen leben nur rund 50 bis 60 Millionen in Europa (das sind 3-4 %). In Deutschland sind es ungefähr 4 Millionen. Die hiesigen – europäischen - Muslime hätten einen großen Einfluss in Zeiten der Globalisierung, bemerkte Reinhard Fischer.

Was Strömungen angeht, erwähnte er unterschiedliche Interpretationen zum so genannten Euro-Islam, den Islamgelehrten Tariq Ramadan und sein Werk "Muslimsein in Europa", und dass es schon 1909 einen Berliner Prof. für Islamwissenschaft gab, der später Minister wurde und die Ansicht vertrat, man müsse den Islam in den Kolonien europäisieren.

"Ich glaube, dass es jeder religiös gebundene Mensch aushalten muss, dass es zwischen seiner Religion und den staatlichen Normen Differenzen gibt," sagte Reinhard Fischer. Er unterscheidet sich damit von zwei anderen Richtungen: Manche würden sagen, dass diese Aussage nur monotheistische Religionen betrifft. Andere wiederum behaupten, dass dieses Problem nur Muslime betrifft ("Islam und Demokratie sind nicht vereinbar"). 

Zu den Strömungen: Diese gibt es natürlich, z. B. die beiden großen Richtungen Sunniten (vier verschiedene Rechtsschulen) und Schiiten. Es gab in der Geschichte weitere Spaltungen über die Streitfrage, wie viele Imame dem Propheten Mohammed folgen. Der Islam kennt keine den christlichen Kirchen vergleichbare Institutionalisierungen, im Islam ist das nicht so eineindeutig. Deshalb sind Strömungen nicht so abgrenzbar. Über die Frage, ob z. B. die Ahmadiyya und die Aleviten zum Islam gehören, wird diskutiert.

Unser Staatskirchenrecht muss langsam zu einem Religionsverfassungsrecht transformiert werden, betonte Reinhard Fischer. Muslimische Gemeinden werden in manchen Bundesländern als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannt (was aber nur für Dachverbände gilt), manche Bundesländer schließen auch Staatsverträge ab. Berlin hinkt da leider hinterher. Artikel 140 des Grundgesetzes besagt, dass einige Artikel der Verfassung von 1919 zu den Religionen auch heute noch gelten. Seitdem hat sich viel verändert, damals gab es z. B. noch keine muslimischen Gemeinden in Deutschland. In Moabit machen einige muslimische Gemeinden leider noch nicht mit beim ZiD e.V. Sie sind meist in Vereinen organisiert und teilweise an Dachverbände gebunden, z. B. gehört die Ayasofya-Moschee zum Bundesdachverband Islamrat. Die meisten in Moabit gehören zu keinem Dachverband.

Stichwort Islamophobie: dazu gibt es viele Studien. 40 Prozent der Bevölkerung haben massive Vorurteile gegenüber dem Islam und den Muslimen. Reinhard Fischer bezeichnete es als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen, diesen entgegen zu treten. Gegen Radikalisierung vorgehen, ohne die Stigmatisierung muslimischer Jugendlicher - nur wie?

Körperschaften öffentlichen Rechts können die Moabiter Gemeinden nicht werden. Viel entscheidender ist es, muslimischen Trägern einen Status als Wohlfahrtsverband zu ermöglichen, so wie bei christlichen und jüdischen Trägern. Es gibt z. B. die Kita Safina vom Haus der Weisheit. Das sind Anfänge. Eine muslimische Diakonie oder Caritas wäre sehr wichtig, betonte Reinhard Fischer. „Geschafft haben wir es, wenn der Islam in Deutschland nicht mehr unter Integrationsfragen, sondern unter religionspolitischen Dingen diskutiert werden kann.“

Danach kamen Vertreter von einigen Moabiter Religionsgemeinschaften zu Wort:

Steve Rauhut vom Refokonvent, der formal noch nicht Mitglied im ZiD ist, berichtete davon, dass gerade „Gemeinsam für Vielfalt“ als Plakat am Kirchturm in der Beusselstraße hängt. "Wir leben das, und wir unterhalten uns auch mit den Jugendlichen vom Jugendtheaterbüro über Glaubensfragen. Außerdem sind die Freunde vom Liberal-islamischen Bund e.V. auf unserem Gelände."

Sven Kirschke von der Soka Gakkai International (SGI), einer der großen buddhistischen Religionsgemeinschaften, erzählte, dass die „werteschaffende Erziehungsgesellschaft“ 1930 in Japan gegründet wurde und deutschlandweit aktiv ist, z. B. mit Antiatomwaffen-Ausstellungen. Er ist seit 15 Jahren dabei, und seit 2006 Mitglied im ZiD. "Vielleicht sind wir ein Bindeglied zwischen den anderen Religionen," meinte er, und beschrieb den Sinn von Soka Gakkai damit, "Frieden zu schaffen und Menschen in den Mittelpunkt stellen, nicht die Religion."

Nushin Atmaca ist Einigen im Stadtteil bekannt als Mitglied der Aktionsfondsjury. Im Plenum meldete sie sich als Vertreterin der kleinen muslimischen Gemeinde, die Steve Rauhut bereits erwähnte, zu Wort. Der Liberal-islamische Bund e.V. tritt für einen kritischen Zugang zur Religion ein und trifft sich in Räumen der Refogemeinde und auch regelmäßig mit einer kleinen jüdischen Gemeinde im Wedding.

Michael Scherer (St. Johannis): Kaminabende wie die Veranstaltungen in den Räumen der Bethania-Gemeinde zu selbst gewählten Themen fortzusetzen, wäre sehr wünschenswert. Er plädiert für eine Trennung von Religion und Staat und findet, dass der Staat eine neutrale Instanz sein sollte.

"Nicht nur Wortbekundungen bitte": Peter-Jörg Preuschoff (St. Paulus) betonte, dass es auch leichter fällt, sich brüderlich zu helfen, wenn man sich besser kennenlernt. Als der Pakistanische Kulturverein aus dem Brauereigelände ausziehen musste, wand er sich an den ZiD und in der Folge bot die Heilandskirche Räume in der Ottostraße als vorübergehenden Gebetsraum an.

Esther Sommerfeld vom Refokonvent sagte „als Mutter“, dass sie die hiesigen Schulen als besten Ort für mehr Verständnis für die verschiedenen Religionen empfiehlt. Ihr Sohn z. B. hatte beim Ramadan der muslimischen Mitschüler und ihrer Familien einfach christlich mitgefastet.

Einer Anwohnerin, die selbst Muslimin ist, gefiel der Vortrag von Reinhard Fischer gut und der Beitrag der Mutter: Wo wechselseitig Wertschätzung stattfindet, kann es keine Radikalisierung (sowohl islamistisch als auch rechtsradikale) geben.

Quartiersratssprecherin Jutta Schauer-Oldenburg arbeitet zwei Mal in der Woche in der Flüchtlings-Notunterkunft in der Levetzowstraße. Gerade dadurch findet sie, dass Integration einen sehr hohen Stellenwert hat, besonders was die deutsche Sprache angeht. - Darauf entgegnete Reinhard Fischer: Nach Berlin kamen seit den 60er Jahren viele Moslems als türkische Gastarbeiter. In den 70ern entstanden erste Moscheevereine, und seit den 80ern dann auch Dachverbände. Gesprächskanäle wie das Islamforum des Landes Berlin sind bei der Integrationsbeauftragten angesiedelt. Seiner Meinung nach braucht man einen langen Atem. Vielleicht in 30 Jahren gehört der Islam wirklich richtig zu Deutschland. Dass z. B. muslimische Bestattungen – ohne Sarg - inzwischen zum Glück hierzulande möglich sind, sollte eigentlich Sache einer Friedhofsordnung sein und nicht als Sonderfall im Integrationsgesetz behandelt werden.

Michael Scherer (St. Johannis) plädierte für eine strikte Trennung zwischen Religion und Staat. Er beklagte, dass Deutschland Waffen an das extreme Wahhabismus-Regime in Saudi-Arabien liefert. "Wir reden also mit gespaltener Zunge und senden keine klare Botschaft aus." Zudem machte er klar, dass es seinem Gott nichts ausmacht, wenn er beleidigt wird. Aber das wird in den einzelnen Gemeinden und Religionsgemeinschaften sehr unterschiedlich gesehen. Als sich muslimische Jugendliche über die Karikaturen beim Kunstverein Tiergarten - es war nach den Mohammed-Karikaturen in Dänemark - aufregten, gab es Diskussionen darüber, was man diesbezüglich in Kauf nehmen muss und wie hoch die Freiheit der Kunst eingeschätzt wird.

Jutta Schauer-Oldenburg konnte die Gekränktheit der Muslime nachvollziehen. Man sollte in einem solchen Fall behutsamer vorgehen, sie fühlte sich als Christin auch gekränkt. Auf den Hinweis von Sven Kirschke, dass die Moabiter Erklärung nicht so sehr bekannt ist, äußerte sie die Idee, Ortsschilder mit dem Spruch „Moabit ist eine Insel - ohne Nazis“ auf allen Brücken, die nach Moabit führen, anzubringen. 

Auch Elke Fenster vom Moabiter Ratschlag e.V. lobte Reinhard Fischers Vortrag. Besonders die Idee islamischer Wohlfahrtsverbände fand sie gut, z. B. interkulturelle Pflegedienste, Krankenhäuser, Kitas usw. - Fischer: Das diskutiert auch die deutsche Islamkonferenz. Wohlfahrt ist ein sehr bedeutender Bereich der deutschen Gesellschaft. Professionalisierung ist hierbei aktuell das wichtige Thema. Beispiel Flüchtlingsunterkünfte: da engagieren sich als Träger AWO, Diakonie und Co, aber es wären auch muslimische Anbieter wünschenswert. Esther Sommerfeld (Refo): Es gibt schon Ansätze. Die Notunterkunft gegenüber des LaGeSos wird betrieben von Integra gGmbH, die zum Haus der Weisheit gehört.

Gefragt wurde im Plenum, wie man mit den muslimischen Gemeinden stärker zusammenarbeiten kann? - Reinhard Fischer: Zuerst mal schauen, wer ist noch nicht in den Netzwerken vertreten ist. Er hatte neulich Vertreter eines schiitischen Moscheevereins in der Perleberger Straße kennengelernt. Dieser Verein tauchte noch nie auf "in Stadtteilzusammenhängen." - Thomas Büttner: Auch die muslimischen Mitglieder im ZiD zu erreichen, ist für uns nicht einfach. Das hat viel mit persönlichen Beziehungen zu tun, und dafür ist viel mehr persönlicher Aufwand nötig.

Steve Rauhut (Refo): Eine zweite Auflage der Moabiter Erklärung wäre toll, aber sie sollte zeitgemäß modifiziert werden, z.B. mehr von Teilhabe als von Integration sprechen, damit sich auch die ganz junge Generation angesprochen fühlt.

Anwohnerin: Ist die Wohlfahrt wirklich so eine gute Idee? Wollen sich Schiiten von Sunniten helfen lassen? Durchsetzen werden sich am Ende immer die mit dem Geld, z. B. salafistische und wahhabitische Moscheen, finanziert aus Saudi-Arabien. - Reinhard Fischer: Europäische muslimische Intellektuelle - wenn wir die hier nicht wollen, dann sind wir wie die Österreicher. Dort ist es Tradition, dass es per Gesetz verboten, dass das Ausland etwas Religiöses wie Moscheen finanziert. Anders als in Deutschland. Wir müssen damit leben, dass z. B. auch deutsche Bücher nach Saudi-Arabien gehen und anders herum...

Anwohnerin: Wie kontrolliert man z. B. einen Religionslehrer und bemerkt, ob er ein Salafist ist oder anderes?

Michael Scherer (St. Johannis): Es gab eine Friedensdekade mit Andachten. Dabei meinte der Jugenddiakon, dass man dem Faschismus von Pegida & Co widerstehen müsse. Da ging ein Mann entrüstet raus. Die St. Johannis Gemeinde marschiert mit gegen Bärgida, aber die Kräfte vom ZiD sind schwach, daher die Frage: wie kann man mehr an die Öffentlichkeit? Wir nutzen die Gemeindefeste, gemeinsames Fastenbrechen usw. So etwas sollte viel mehr gemacht werden, und vor allem sichtbarer werden!

Sven Kirschke bedankte sich im Namen des ZiD e.V. bei QM und QR für die letzten zehn Jahre voller Unterstützung, ob finanziell oder ideell, und ganz besonders bei Thomas Büttner, der ehrenamtlich Geschäftsführer des Vereins ist und selbst einer Gemeinde angehört.

Wer sie noch nicht kennt: die Moabiter Erklärung finden Sie hier: http://www.zidberlin.de/seiten/moabiter.html

Termine und Verschiedenes:

Nächstes Thema beim Plenum im Januar 2016: "Probleme mit dem Wohnen", dazu gibt es eine gemeinsame Vorbereitung des Plenumsteams mit dem Runden Tisch gegen Gentrifizierung. Die Ergebnisse der Anwohnerbefragung zur Verdrängung (Milieuschutz in Moabit) ist im Januar wahrscheinlich noch nicht verfügbar, das wird dann evtl. Thema eines weiteren Plenums.

Weitere Themenvorschläge für die Plena 2016 wurden im Plenum gesammelt:

- Senioren in Moabit (über das Seniorenhaus Hansa-Ufer 5 hatten wir hier http://www.moabitwest.de/Neues-vom-Hansa-Ufer-5.5707.0.html berichtet)

- Kinder- und Jugendbeteiligung in Moabit

- Was macht eigentlich die Zeitung "Ecke Turmstraße" als einzige verbleibende Stadtteilzeitung nach dem Ende von "moabiter Inselpost" und "21 Grad Ost"?

- Wahlprüfsteine (passend zur Abgeordnetenhaus-Wahl 2016)

Susanne Torka wies hin auf das Forum-Theater am 26.11. um 17 Uhr im Theater X. Das ist eine Veranstaltung des Runden Tisch gegen Gentrifizierung zusammen mit den Theaterleuten und Mitgliedern von „Hände weg vom Wedding“ u.a. Gespielt wird ein Stück zum Thema Gentrifizierung.

Die zusammengefassten Ergebnisse und Inhalte der Stadtteilplena sind HIER nachzulesen.

 

 

Text & Fotos: Gerald Backhaus