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"Im Mittelpunkt: Der Lerner"

Einer, der aus Moabit in die Welt sendet:

Olaf Hinrichsen und sein Nachhilfe-Portal OberPrima.com

 

Manche wollen ihm Geld spenden, einmal hat einer eine Flasche Wein geschickt, ansonsten hagelt es Einladungen zu Abi-Parties. Dankesworte wie "In manch schweren Stunde der Verzweiflung hast Du mir geholfen" stehen für den Produzenten von Mathematik-Nachhilfevideos fast auf der Tagesordnung. Rund 70 Mails bekommt Olaf Hinrichsen in einer Durchschnittswoche, meistens sind es Anfragen von Jungen und Mädchen, die eine Mathematikaufgabe nicht allein lösen können. Vor dem Abi sind es besonders viele. In den Sommermonaten dagegen kann auch der 1979 in Niebüll - "nahe der Verladerampe nach Sylt" - geborene und vor Jahren als Zivi nach Berlin gekommene sportliche Schlaks mit seiner Familie Urlaub machen. Nach mehreren Umzügen durch Charlottenburg, Kreuzberg und Schöneberg hat es ihn, seine Frau und die bald drei Kinder jetzt in den Stadtteil Moabit verschlagen. Zur Arbeit muss er nicht aus dem Haus, sondern nur vier Treppenabsätze hinaufsteigen. Das wenige Quadratmeter große Aufnahmestudio für seine Filme und die "Firmenzentrale" von OberPrima.com mit einer friesischen Fahne als Dekoration befinden sich im 5. Stock eines Hinterhauses in der Reuchlinstraße. Die Räume unterm Dach teilt er sich mit einem Modedesignstudenten der UdK, der hier wohnt und arbeitet.

Der Weg zum Kreateur und Produzenten von Nachhilfevideos war voller Überraschungen. Ursprünglich hatte die Sportskanone mit dem Strahlelächeln ganz Anderes - und sehr Unterschiedliches - auf seiner beruflichen Agenda: Als Zivildienstleistender arbeitete er in der Altenpflege, danach als Bauzeichner im Charlottenburger Max-Bürger-Zentrum. Er plante ein Wirtschaftskommunikationsstudium an der damaligen HdK. Doch daraus wurden Linguistik und Psychologie, letzteres beendet nach dem Vordiplom. Gern hätte er als Therapeut für revolutionierte Homöopathie gearbeitet, was aber an seiner verpatzten Heilpraktikerprüfung scheiterte. Lag es auch an seinem damals jugendlichen Alter? "Wenn sich ein 25-jähriger hinsetzt und meint, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen, kommt das nicht so gut an." Bestimmt kommt er irgendwann auf die Heilpraktikertätigkeit zurück, "man will ja auch noch was machen, wenn man 50 und 60 ist." 

Werbung auf Einkaufswagen, Laufende Litfaßsäulen, Frau und Kinder - Olafs Weg zur OberPrima

Seit Mitte der neunziger Jahre gibt Hinrichsen Nachhilfeunterricht in Mathematik. Er gründete zusammen mit einem Psychologie-Kommillitonen die Nachhilfeschule "5 oder 3" in Steglitz, mit extra angemieteten Räumen und einer Werbeaktion auf Zetteln. Aus einer seiner damaligen Schülerinnen wurde seine jetzige Ehefrau. Da neben ihm und dem Kompagnon keine weiteren Lehrer hinzu kamen, gaben sie das Unternehmen aber bald wieder auf. Unter dem Namen "OberPrima" erfolgte später ein Neustart - unterstützt durch Werbung auf Einkaufswagen im Supermarkt. Die war aus heutiger Sicht eine katastrophale Fehlentscheidung, weil die Kosten für diese langfristige Werbe-Buchung das Budget der jungen Nachhilfelehrer bei weitem überstiegen. Nur durch Hinrichsens Eltern konnte seine Privatinsolvenz abgewendet werden. Olaf Hinrichsens Ideen sprudelten unterdessen weiter, gerade unter dem finanziellen Druck. Er erfand "laufende Litfaßsäulen" als mobile Werbeträger, schlüpfte selbst darunter und paradierte so über Kudamm und Schloßstraße. Gemeinsam mit seiner zweiten Frau und einem Freund gründete er mit "Oheisa" - so die Abkürzung für Olaf, Heidi und Sascha - eine Firma zur Produktion und dem Vertrieb von Werbeträgern. Dieses Projekt schlief allerdings bald nach der Geburt des ersten Kindes ein. Ein Lehramtsstudium an der HU stand 2007 zur Debatte, scheiterte aber am Numerus Clausus. Parallel gab Hinrichsen weiter Nachhilfe und begann mit dem Drehen erster Nachhilfe-Videos für seine Internetseite OberPrima.com, um mehr Schüler zu erreichen. Er verwendete zunächst verschiedene selbst produzierte Testinhalte. Bald schon hatte der Mann in seiner Moabiter Dachkammer die Mathematik-Prüfungsaufgaben für den mittleren Schulabschluss von Berlin verfilmt. Als die Nutzer damit umgehen konnten, startete der Online-Lehrer einen Aufruf, ihm Matheaufgaben zu schicken, damit er sie im Netz erkläre. Aus diesen Zusendungen entstanden mit einer kleinen Kamera die Videos, die Olaf Hinrichsen über das Portal Sevenload hoch lud, zudem beantwortete er Nachfragen der Lernenden. Das löste einen Schneeballeffekt aus. Begeisterte Nutzer erzählten ihren Freunden und Klassenkameraden von der Seite. Im ersten Jahr sahen monatlich bis zu 21.000 Menschen seine 500 neuen Videos. Dadurch flossen rund 100 Euro Werbeeinnahmen in Hinrichsens Kasse. Mittlerweile bekommt der Mann, der als Schüler den Mathematik-Leistungskurs mit 8 Punkten nicht als Bester abschloss, pro Tag 10 bis 20 neue Aufgaben zugesandt. Das sind viel zu viele, um sie alle verfilmen zu können. 


Aus 1 : 1 Nachhilfe wird 1 : n Nachhilfe

Die erste Nachhilfeschülerin war seine kleine Schwester. Da er so gut erklären kann, verdiente Olaf - selbst noch Schüler in der 12. und 13. Klasse - schon in Niebüll sein erstes Geld als Nachhilfelehrer. Heute erreicht der Moabiter Hunderttausende. Sie kommen nicht mehr nur aus Niebüll oder Berlin, sondern im Prinzip "von überall her", natürlich zum Großteil aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aber auch aus Ägypten. Obwohl der Schüler dem Nachhilfelehrer Hinrichsen nicht mehr direkt gegenüber sitzt, erlebt jeder Einzelne eine direkte Ansprache. Es ist nicht so, als ob man in einer Klasse oder Fünfergruppe etwas erläutert bekommt. Jeder kann allein für sich am Computer die Lösung einer Aufgabe verfolgen und sich das Video immer wieder ansehen. 

Mathematik ist nicht das einzige Fach, bei dem Mädchen und Jungen Hilfe brauchen. Im zweiten Jahr holte sich Olaf Hinrichsen Menschen ins Boot, die weitere Fächer - Chemie, Biologie und Physik - abdecken. 1.000 neue Videos entstanden bis zu den Sommerferien 2009, die Besucherzahlen schnellten auf einen monatlichen Höchstwert von 137.000 hoch und die monatliche Werbe-Einnahmen auf bis zu 500 Euro. Nicht alle Aufgaben konnten direkt verfilmt werden. Noch konnte Olaf aber fast allen Nutzern antworten und probierte es aus, den Anfragern seine Lösungen in Form eines Lösungsblattes zu senden. Mit der wachsenden Zahl der Videos begannen die Schwierigkeiten: es wurde für Nutzer immer komplizierter, das richtige Video zu finden. Hinrichsen erhielt mehr und mehr Fragen zu Uni-Mathematik und Anfragen für neue Fächer. All das konnte er mit den bestehenden technischen Lösungen seiner Seite Oberprima.de nur schwer in Einklang bringen.

"Wenn ich vor der Kamera stehe, dann bin ich wie ich bin. Und wenn einer damit nicht kann, muss er ausschalten." Das machen aber wohl nur sehr wenige. Im Februar 2010 erreichte OberPrima.com einen Spitzenwert von 240.000 Nutzern. In der heißen Phase vor den Abiturprüfungen 2010 rechnet Oberprimaner Hinrichsen mit 400.000.


Kommunikation auf Augenhöhe

Das Wort Schüler nimmt Hinrichsen gar nicht gern in den Mund, weil das seiner Meinung nach ein Oben und Unten implizieren würde. Er möchte stattdessen mit den OberPrima-Nutzern, seinen Kunden, auf Augenhöhe kommunizieren. "Ich bin auch nicht fehlerfrei." Die Lerner, wie er sie lieber nennt, bekommen von ihm einen Prototyp vorgesetzt, ohne Gewähr auf Perfektion, sondern eher vergleichbar den änderbaren Einträgen bei der Internetenzyklopädie Wikipedia.

Seine Vision ist, dass sich OberPrima zu einem Netzwerk ausweitet und das Lernen vom Lerner ausgeht, so dass der Lehrer ein Angebot macht, auf das der Schüler zurückgreifen kann, wann immer er möchte. Darüber hinaus sollen alle Schulfächer abgedeckt werden, die nachgefragt werden. Englisch und Rechnungswesen sind gerade in der Pipeline. Die einzelnen Fächer könnten durchaus auch doppelt und dreifach mit Lehrern besetzt sein, "weil nicht jeder mit mir klarkommt. Zum Beispiel wäre eine Frau gut, oder auch ein Mann, der weniger aufgeregt ist als ich und strukturierter und langsamer erklärt." Wenn es soweit ist, können sich die Schüler den zu ihnen am besten passenden Lehrer aussuchen. Das geht bis hin zu Eigenschaften wie hohe oder tiefe Stimme, Dialektfärbung und und und. 

Von der Einzelseite OberPrima.com will er wegkommen, die künftige Struktur soll von den Nutzern ausgehen. "Die werden sich die Perlen herauspicken und sie wie an einer Schnur aufreihen, also zum Beispiel in Form einer Favoritenliste für Mathematik 7. Klasse an Berliner Gemeinschaftsschulen. Eine solche Struktur ist nutzergerechter, als ich sie sich ausdenken kann." Zur Veranschaulichung erzählt er von einem Rasenexperiment: Man legte einen Rasen auf einem Uni-Campus ohne Wege an und ließ die Studenten einfach rüber latschen. Nach ein paar Monaten hatten sich Trampelpfade herausgebildet, und zwar andere Wege, als die Planer vorher vermuteten. Dieses Prozedere war besser, als vorher einfach einen Weg zu betonieren, den die Studenten links liegen gelassen hätten, um woanders abzubiegen. "Denn es gibt Zusammenhänge, die kennen nur die Nutzer selbst. Und genauso ist es bei OberPrima: Der Rasen ist zumindest in der Mathematik relativ dicht, und jetzt gilt es, die Trampelpfade festzustellen."

30.000 Stunden kostenfreie Nachhilfe im Monat 

Olaf Hinrichsen misst seiner Tätigkeit, dem kostenlosen Gewähren von Nachhilfeunterricht - zusammen mit seinen Physik-, Bio- und Chemiekollegen über 30.000 Stunden im Monat -, großen gesellschaftlichen Nutzen bei. Er, der selbst mal Hartz-IV-Empfänger war, weiß wovon er spricht. Wären seine eigenen Kinder in dieser Zeit schon größer gewesen und er nicht selbst in der Lage, Nachhilfe zu geben, wären schon wenige Euro Honorar im Monat für Nachhilfe zu viel für die Familienkasse gewesen. 

Mathe mundgerecht in 6-Minuten-Häppchen

Gerade sein Fach Mathematik erlangt immer größere Bedeutung. „Die Mathematik ist ein Schlüsselfach für praktisch alle technischen Ausbildungsberufe und naturwissenschaftlichen Studiengänge“, so Martin Kannegiesser, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall. „Die Metall- und Elektro-Industrie benötigt qualifizierten Nachwuchs aus diesen Bereichen. Hier herrscht schon jetzt Fachkräftemangel, der sich weiter verschärfen wird, sobald die Konjunktur wieder anzieht. Deshalb engagieren wir uns unvermindert weiter dafür, bei den jungen Menschen Begeisterung für Mathematik und Ingenieurskunst zu wecken.“ Begeisterung für Mathematik weckt Olaf Hinrichsen ganz praktisch. Er bereitet jede Mathematiksaufgabe gut vor und nimmt mit seiner Kamera so genannte One-Takes von rund 6 Minuten auf, bei Herleitungen sind die Filme auch mal länger. "Die Biofrau in Frankfurt am Main macht auch mal einen 22-Minuten-Film über Meiose, und auch das kommt super an." Hinrichsen schneidet seine Videos nicht, er nimmt sie in einem Ritt auf und lädt sie anschließend hoch. Er verfolgt das Prinzip "publish and filter", was bedeutet, dass auch fehlerhafte Videos im Netz bleiben und im Begleittext darauf hingewiesen wird. In zehn Jahren wird Olaf Hinrichsen wahrscheinlich keine Mathematik-Videos mehr selbst drehen wollen und müssen - "dann habe ich mein Pulver verschossen" - aber seine Idee soll weiterleben. Er sieht seine Lebensaufgabe darin, kostenlose Bildungsangebote zu schaffen, die vom Lerner ausgehen. Das praktiziert er derzeit selber und kann bestimmt bald auch darüber vor Mit- und Nachmachern referieren. Zunächst aber braucht er neue Software, um die Seite neu programmieren zu lassen. Wer Olaf Hinrichsen dabei unterstützen möchte: er sucht Spender und Sponsoren, um die Übersichtlichkeit von OberPrima.com zu verbessern und neue Funktionen einzuführen. 

Spender sind hier richtig, und wer sich Videos von Olaf Hinrichsen und seinen Kollegen anschauen möchte, klickt auf www.OberPrima.com

 

Text und Fotos: Gerald Backhaus (Stand April 2010)