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"Wir können die Arbeitswelt nicht retten, aber Impulse geben."

Ein Gespräch mit Gisela Schön vom Servicezentrum Mitte des Bildungsmarkt e.V.

 

"Wer durch die Tür kommt, kommt freiwillig."

Im Servicezentrum Mitte, das seit 2002 existiert, bieten Gisela Schön und ihre 18 Mitarbeiter offene Beratung rund um Arbeit, Ausbildung, Weiterbildung und Qualifizierung an. Die Kunden kommen  aus Eigeninitiative. "Sie werden nur in seltenen Fällen geschickt, z.B. von einem anderen Träger", sagt sie. Ihr Projekt gehört zum Bildungsmarkt e.V., der als Träger fungiert. Bis April 2009 befanden sich die Beratungsräume in der Turmstraße 66 und seit Mai 2009 arbeitet das Team in der Sickingenstraße 76 und in der Waldenserstraße 2-4. Die Nähe zum Jobcenter bezeichnet Gisela Schön als günstig. Den typischen Kunden gibt es nicht, es sei ein Gemisch aus jungen Leuten, die eine Ausbildung suchen, Menschen mittleren Alters, Rentnern, vom Analphabeten bis zum Mehrfachakademiker. "Darunter sind auch sehr gut ausgebildete Leute mit gleich zwei Studienabschlüssen, die nicht so richtig wissen, was sie damit anfangen sollen." Menschen, die Arbeit haben, aber von Arbeitslosigkeit bedroht sind, kommen genauso wie alleinerziehende Mütter, die ihren Kindern ein Vorbild sein wollen und Eltern, die sich Sorgen machen um die Entwicklung ihres Nachwuchses im Teenageralter machen. Und natürlich gibt es die große Gruppe der Langzeitarbeitslosen mit sehr unterschiedlicher Motivation. Leider müssten Leute oft wiederkommen, so Schön, weil sie - selbst wenn sie Arbeit haben - oft nur befristete Verträge bekämen. Insgesamt fast 30.000 Menschen haben seit Beginn 2002 beim Servicezentrum Mitte eine Beratung erhalten, sie kommen aus ganz Berlin und sogar aus Potsdam, vorwiegend über Mundpropaganda und Multiplikatoren. Über 50 Prozent davon sind Menschen mit Migrationshintergrund.

Hilfe zur Selbsthilfe

Gisela Schön und ihre Mitarbeiter, überwiegend Akademiker vom Erziehungswissenschaftler bis zum Techniker, haben Zeit für die Frauen und Männer, die ihr Ladenlokal betreten und hören erst einmal zu. "Wir sind kein Amt! Alles, was hier besprochen wird, bleibt hier." So etwas kommt an: "Viele sagen, so hätte noch niemand mit ihnen geredet. Dadurch verlieren die Leute die Angst, dass einem etwas passiert, wenn man etwas Unbedachtes sagt." Das Beraterteam regt an, kreativ nachzudenken: was mache ich aus meiner verbleibenden Lebensarbeitszeit? Nach der Analyse wird überlegt, was genau zu tun ist. "Wir sind keine Einrichtung, die eine Schublade aufmacht und eine Lösung vorgibt, sondern alle Mitarbeiter versuchen, den Kunden Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, damit sie ihr Arbeitsleben in die eigene Verantwortung nehmen und sich nicht von außen steuern lassen." Ziel ist es, einen Weg zu suchen, mit Unterstützung des Jobcenters seine Wünsche zu erreichen.

Dabei kooperiert der Bildungsmarkt unter anderem mit dem Träger Zukunftsbau. Gisela Schön erzählt von einer Hartz-4-Empfängerin mittleren Alters, die  in einer dieser Maßnahmen war und gern eine Umschulung zur Verkäuferin machen wollte. Das wurde immer vom Jobcenter mit der Begründung abgelehnt, der Verkauf in Berlin sei rückläufig und dass es zu viele arbeitslose Verkäuferinnen gäbe. Gisela Schön setzte mit ihr gemeinsam ein "Motivations-Schreiben" an ihre Sachbearbeiterin auf, das dann letztendlich überzeugte. "Es hat geklappt, sie hat die Umschulung beginnen können."

Man stelle sich mal vor, der Fußballtrainer wechselt alle 11 Mann aus, die ganze Mannschaft. So ähnlich geht es Gisela Schön, allerdings unfreuweillig. Eine fast komplette Auswechslung ihres Teams erlebt sie immer wieder. Da die meisten über eine Maßnahme des Jobcenters hier sind, fangen sie zusammen an und hören nach einem Jahr auch gemeinsam auf. Ihr größtes Problem sei diese zeitliche Befristung, so Mannschaftskapitänin Schön. Da die meisten nicht aus dem Bereich der arbeitsmarktpolitischen Beratung kämen, bräuchten sie mindestens ein Vierteljahr, um sich in das Thema einzuarbeiten. Mitarbeiter im Servicezentrum Mitte sollten freundlich und aufgeschlossen sein, sich auf Menschen und Themen einlassen können und wertschätzend den Menschen gegenüber treten, da viele diese Erfahrung woanders nicht machen. "Bei uns sind sie keine Nummer, sondern werden ganz individuell beraten."

"Wir können nicht die Welt retten, aber Impulse geben."

Um Jobs für die Ratsuchenden und weitere Integrationsmöglichkeiten bemühen sich schwerpunktmäßig die Mitarbeiter in der Waldenserstraße, die Stellen im Kiez, aber auch in Tageszeitungen und anderen Medien recherchieren. "Dann nehmen wir Kontakt mit den Arbeitgebern auf und hängen die Angebote hier auf." Oft stelle übrigens nicht der Mangel an Stellen ein Problem dar, sondern der Mangel an Menschen, die sich darauf einlassen wollen oder die entsprechende Qualifizierung mitbringen.  "Wir können manchmal nicht einmal die Stelle einer Bäckereiverkäuferin besetzen, weil keiner da ist, der morgen früh antreten möchte. Menschen, die lange zuhause waren, erschrecken regelrecht, denen fällt das plötzliche Losgehen schwer, sie haben Blockaden." Bei Langzeitarbeitslosen geht es oft darum, die Arbeitsfähigkeit wieder herzustellen. Ganz typisch seien so genannte "Aber-Sätze" wie zum Beispiel "aber wie stellen Sie sich das vor; morgens schon; ich hab so viel anderes zu erledigen; das ist soweit weg..." Einige versteckten sich auch hinter ihren Kindern, so Gisela Schön. "Junge Menschen, die eine Lehrstelle suchen, haben oft nicht das Durchhaltevermögen, dran zu bleiben." Der Weg ist oft ein langer, mancher muss zuerst seinen Schulabschluss nachholen. 

Ein weiteres großes Thema der Ratsuchenden sind Bewerbungsunterlagen. "Obwohl viele da diverse Kurse gemacht haben, ist das größtes Problem oftmals das Foto. Viele sehen nicht ein, dass ein tolles Foto ein Türöffner sein kann." Aus diesem Grund hat das Servicezentrum Abhilfe geschaffen. Ein Mitarbeiter, der früher Fotograf war, schießt in der Sickingenstraße wunderbare Bewerbungsfotos. "Wir bieten kleine Trainings auch zu Bewerbungsgesprächen an", so Gisela Schön, denn in diesem Bereich braucht so mancher Hilfe. "Viele leben zum Beispiel nicht in ihren Lebensläufen. Sie können nicht sagen, was sie wann gemacht haben, und informieren sich nicht vorab über den Arbeitgeber." 2009 wurde ein Asessmentcenter initiiert, um Potentiale zu erkennen. Das wurde zu einem großen Erfolg, es meldeten sich mehr, als Plätze vorhanden waren. "Da erfuhren die Leute, dass sie Kompetenzen haben, etwas können, und erhielten neue Hoffnung."

Putzen kann jeder - das war mal. 

Die Anforderungen in der Arbeitswelt steigen immer mehr. Selbst in niederschwelligen Bereichen wie der Gebäudereinigung muss man heute viel mehr mitbringen als früher: akzeptable Deutschkenntnisse, möglichst den Führerschein, am besten ein eigenes Auto sowie die Bereitschaft, in Schichten und am Wochenende zu arbeiten. Viele Menschen sind dem nicht gewachsen und bräuchten ein Einzelfallcoaching, eine längere Begleitung durch eine Person. Resignierende Sätze wie "Ich kann ja nichts..." hören Gisela Schön und ihre Kollegen nicht selten. Viele Ratsuchende fühlen sich mit 45 Jahren schon zu alt. "Wir geben ihnen Hilfe dabei, eigene Wünsche zu äußern und Entscheidungen zu treffen." Ihren eigenen Mitarbeitern gibt Gisela Schön viel Raum, selbst Bewerbungen zu schreiben. "Wir nutzen dabei das Knowhow der ganzen Truppe. Aus dem Jahr zuvor haben vier Leute eine Arbeit gefunden, sind früher raus aus der Maßnahme, da der 1. Arbeitsmarkt Priorität hat. Zu denen haben wir Kontakt, und haben den Türöffner für sie gespielt." Wer sich hier auf die Arbeit einlässt, hat auch gute Chancen, woanders eine Stelle mit Beratungstätigkeit zu finden, ist sich die Projektleiterin sicher.  Für die Zukunft wünscht sie sich mehr solche Einrichtung wie das Servicezentrum Mitte des Bildungsmarkts. Und im Sinne aller Beteiligten - von Kunden wie Mitarbeitern - wäre ein fester Personalstamm. Aber davon kann sie zur Zeit nur träumen.

Gisela Schön - zur Person:

Gisela Schön wurde in Chemnitz geboren und lebt seit 1972 in Berlin. Sie absolvierte eine Gebrauchswerber-Ausbildung (heute Gestalter für visuelle Medien) und studierte Grafik an der Burg Giebichenstein in Halle. Danach arbeitete sie viele Jahre im Centrum Warenhaus am Alexanderplatz als "Erster Gestalter". Berufsbegleitend hat sie Ökonomie studiert. Sie machte sich selbständig als Inhaberin eines eigenes Geschäft, 10 Jahre lang betrieb sie eine Parfümerie in der Torstraße in Mitte. Gisela Schön lebte in den neunziger Jahren längere Zeit in Namibia und wirkte dort als Entwicklungshelferin, bevor sie nach Berlin zurückkehrte und beim Bildungsmarkt anfing. Heute fährt sie fast jeden Tag mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von Pankow zur Arbeit nach Moabit. Irgendwann möchten sie und ihr Mann wieder für länger nach Afrika gehen.

Text und Fotos: Gerald Backhaus (Stand Mai 2010)