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Freitag, 21.02.2020

Rassismus - Thema beim Stadtteilplenum im Februar 2020

„Was ist Rassismus?“ war das Schwerpunktthema beim Stadtteilplenum am 18. Februar 2020 im Nachbarschaftstreff in der Rostocker Straße 32, zu dem der Moabiter Ratschlag e. V. und die S.T.E.R.N. GmbH als Beauftragte für das Quartiersmanagement Moabit West eingeladen hatten. Zu Beginn übergab Moderatorin Susanne Torka an Quartiersmanagerin Aischa Ahmed, die über das seit 2017 in Wedding und Moabit bestehende Bündnis gegen Rassismus berichtete. In diesem Netzwerk engagieren sich rund 20 Moabiter Einrichtungen wie z.B. der Transaidency e.V., Narud e.V., drei Quartiersmanagement-Teams und Demokratie in der Mitte (Fabrik Osloer Strasse) gegen Rassismus aller Art. Vorläufer dieser Aktivitäten gab es jedoch schon früher, und zwar im Jahr 2013 mit den Kiezmüttern (jetzt Stadtteilmütter), die zu Beginn „Mütter für Mütter“ (MüfüMüs) hießen.

Aktuell stehen im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus unter dem Motto „Aktionswochen gegen Rassismus“ vom 14. bis 29. März 2020 rund 60 Veranstaltungen in Wedding, Gesundbrunnen und Moabit an. Mindestens ein Drittel davon findet in Moabit statt, darunter die Auftaktveranstaltung am 14. März 2020 im ZK/U. Geplant ist ein tolles Programm mit Theater, Musik, Poetry Slam, Tanzgruppen und als offiziellem Gast die Bezirksstadträtin für Jugend, Familie und Bürgerdienste Ramona Reiser. Die Stadtteilmütter in Mitte veranstalten am 24. März ein „Weltcafé“ von 10 bis 13 Uhr im Jugendhaus B8 und die Initiative „Ihr letzter Weg – Sie waren Nachbarn“ organisieren zwei Führungen. Mehr zum Programm während der „Aktionswochen gegen Rassismus“: http://demokratie-in-der-mitte.de/zusammen-gegen-rassismus/

Jouanna Hassoun vom Transaidency e.V. berichtete über das Projekt „Offen füreinander“, das u.a. Workshops und Aufklärungsveranstaltungen zum Thema Rassismus anbietet. Rund 20 solcher Veranstaltungen gab es schon während der Projektlaufzeit, darunter z.B. den Fachtag „Wie offen ist Moabit für den Islam?“ Es ist ein Projekt gegen den alltäglichen Rassismus und will zur interkulturellen Öffnung von Schulen, Vereinen, und öffentlichen Institutionen beitragen. Es möchte alltäglichen Rassismus sichtbar machen und etwas dagegen tun, z.B. zusammen mit Schulleiterinnen und Pädagogen. Eine Veranstaltung zu Rassismuserfahrungen findet am 19. März 2020 statt. Außerdem wird es im Jahr 2020 einen Workshop zum Umgang mit Hetze im Netz und zu Rechtsextremismus geben, und in der Zeit des muslimischen Fastenmonats Ramadan möchte der Transaidency e.V. ein öffentliches Fastenbrechen (Iftar) organisieren. http://transaidency.org/offen-fuereinader/

James Rosalind von Demokratie in der Mitte e.V. berichtete in einem Einführungsvortrag zunächst darüber, wie der Begriff Rassismus definiert wird und was er genau bedeutet. Als Rassismus bezeichnet man die Abwertung von Menschen aufgrund ihres Äußeren, ihres Namens, ihrer Kultur, Herkunft oder Religion. Rassismus ist mit dem Innehaben von Macht verbunden. Die Ethnisierung und Kulturalisierung wird von Rechtspopulisten als Feindbild benutzt: „die Anderen“ versus die einheimischen deutschstämmigen Bürgerinnen und Bürger.

Rassismus tritt in drei Erscheinungsformen auf: Es gibt den strukturellen, den institutionellen, z.B. bei Ämtern und Behörden, sowie den individuellen Rassismus. Kommen alle drei Formen zusammen, kann das für Betroffene einen Ausschluss auf gesamtgesellschaftlicher Ebene bedeuten. Ordnen Behörden, wie z.B. die Polizei, Menschen nach äußeren Kriterien wie Aussehen in Kategorien, dann spricht man von „Racial Profiling“. In einer vergleichenden US-amerikanischen Umfrage aus dem Jahr 2016 bewerteten Deutsche und Amerikaner „Racial Profiling“ in der Polizeiarbeit sehr unterschiedlich. Dass in den USA manche Bevölkerungsgruppen mehr als andere von den Sicherheitsorganen kontrolliert werden, z.B. Schwarze, fanden viele der Befragten in den USA nicht richtig. Die Mehrheit der befragten Deutschen hingegen sah im „Racial Profiling“ kein Problem. James Rosalind brachte zur Verdeutlichung der rassistischen Einordnung von Menschen ein zunächst absurd wirkendes Beispiel an: In Frankfurt am Main könne man weiße Männer im Anzug auf der Straße anhalten, weil in dieser Gruppe von Menschen die höchste Zahl von Finanzdelikten stattfindet. Doch wird das nicht passieren, weil diese Bevölkerungsgruppe nicht nur sehr zahlreich ist, sondern auch sehr viel Macht inne hat. Sie würde sich gegen die Polizei durchsetzen und z.B. mit einem Anwalt drohen.

Dass auch Weiße in einer weißen Mehrheitsgesellschaft wie Deutschland eine schwache Position inne haben können, berichtete Hasan Aba vom CJD aus seiner beruflichen Erfahrung. Weitere Beispiele für Rassismus wurden benannt, z.B. dass ein Afrodeutscher aus dem Familienkreis häufiger als andere Familienmitglieder im Zug oder bei einem Grenzübertritt kontrolliert wird. Rassismus kann es auch anhand des Namens geben. So wird ein Mann namens Ali oder Ahmad in Deutschland wahrscheinlich andere Verdachtsmomente als ein Mann namens Thomas erleben. Seit kurzem gelten bei der Polizei neue Grundsätze zur Einteilung von Verdächtigen und Tätern nach Phänotypen, wie z.B. „südeuropäisches Aussehen“ oder „arabischer Phänotyp“.

Zum individuellen Alltagsrassismus gab es von James Rosalind und aus dem Plenum anschauliche Beispiele: Die Aussage „Sie sprechen aber gut Deutsch“ zu jemandem, der in Deutschland aufgewachsen ist, aber durch sein Aussehen scheinbar nicht ins gewohnte Schema passt, ist so eine, die verletzt. Oft sind es Mikroaggressionen: Vorurteile und Rassismus treten in einer scheinbar harmlosen und oft gar nicht böse gemeinten Äußerung wie „Wo kommst Du her?“ auf. Antwortet jemand mit dunklerem Teint darauf mit „Aus Moabit“, dann kann sie oder er unter Umständen mit Nachfragen wie „Aber woher denn wirklich?“ und „Woher kommt Deine Familie?“ rechnen. Ein solches Gespräch kann negative Gefühle in der Art auslösen, dass man nicht dazu gehört. Es kann das Selbstwertgefühl beeinträchtigen und ein „Tod durch tausend kleine Stiche“ sein.

Was tun gegen Rassismus?

Wie kann man sich, wenn man Rassismus nicht alltäglich erlebt, mit denjenigen, die betroffen sind, verbünden, ihnen gegenüber Solidarität zeigen und sich gegen Rassismus positionieren? Diese Fragestellung von James Rosalind wurde gemeinsam im Plenum beantwortet. Dazu gehört es, anderen Menschen gegenüber Empathie und Interesse zu zeigen, ihnen zuzuhören, grundsätzlich ein wertschätzendes Menschenbild zu haben, sich gut zu informieren und antirassistische Texte zu lesen sowie sein eigenes Wertbild zu kennen und die Fähigkeit zur Selbstreflexion.

Im Anschluss dazu beteiligten sich alle Anwesenden unter der Leitung von James an einer kleinen Übung namens Privilegien-Lauf. Dazu bekommt man einen Zettel mit einer fiktiven Personenbeschreibung, die man bei dem Spiel verkörpern soll, und stellt sich mit den anderen zusammen in einer Linie auf. James Rosalind als Spielleiter stellte dann Fragen wie die, ob man früher das einzige dunkelhäutige Kind in der Schulklasse war oder ob man sich jederzeit traut, zum Arzt oder auf ein Amt zu gehen. Die Beteiligten beantworteten die Fragen, indem sie einen Schritt nach vorn gingen oder auf der Stelle stehen blieben oder sogar einen Schritt zurück gehen mussten. Bei der Auswertung am Ende gab es einige Leute, die ganz weit voran geschritten waren, wie ein fiktiver „weißer Mann um die 30 Jahre, gut ausgebildet, verdienend und hetero“. Einige kamen ins Mittelfeld und andere, wie ein fiktiver „staatenloser aus Afrika stammender Flüchtling“, mussten bei fast allen Fragen an der Stelle stehen bleiben. Diese Übung hat gut veranschaulicht, wie privilegiert bestimmte Personengruppen sind.

Termine
Die Infoveranstaltung „Eigenbedarf kennt keine Kündigung“ findet am 28. Februar 2020, ab 18 Uhr in der Prinzenallee 58, 2. Hinterhof rechts statt. - mehr dazu: https://wem-gehoert-moabit.de/termine/?event_id=741

Am 7. März 2020 wird ab 16 Uhr der Klara-Franke-Preis an eine Gruppe und eine Einzelperson in der Dorotheenstädtischen Buchhandlung verliehen. https://moabitonline.de/33761

Zum Weltwassertag am 22. März 2020 möchte der Verein a tip: tap e.V. auf dem Refo-Campus in der Wiclefstraße auf die Bedeutung von Leitungswasser aufmerksam machen und für Trinkwasserbrunnen in Moabit begeistern. Im Refo-Gemeindesaal wird es einen begehbaren Wal aus Holz- und Plastikmüll geben und viele Bildungsangeboten in der ganzen Woche danach. http://www.atiptap.org/weltwassertag.html

Das nächste Plenum findet am 17. März 2020 zum Thema Stadtnatur statt. Dabei wird es einen Samentausch geben und die Bewässerungsgruppe Waldstraße wird sich vorstellen.

Text & Fotos: Gerald Backhaus