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Der letzte Fleischer im Huttenkiez

"Genaugenommen bin ich nie aus dem Kiez rausgekommen", sagt Detlef Drabe und schaut hinaus auf die Ufnaustraße. Draußen laufen allerlei Erinnerungen vorbei. "Hier gab es doch alles, was man zum Leben brauchte. Bäcker, Milchmann, Obst und Gemüse, Kohlen, Kartoffeln, Lebensmittel, Schuster, in den Hinterhöfen kleine Handwerksbetriebe. Nur eine Apotheke, die hatten wir hier nicht."
In seiner Aufzählung fehlt der Fleischer, denn der ist er selbst. Schon immer und noch immer. Und vor ihm war es sein Vater, seit 1936. Vor einunddreißig Jahren haben er und seine Frau den Laden übernommen. Wir haben uns für einen Nachmittag verabredet, da ist es ruhiger im Laden. Außerdem muss der Meister vormittags die Wurst machen.
Heute erinnern nur noch die heruntergelassenen Rollläden, dass einst in beinahe jedem Haus ein Geschäft war.Dass der Einzelhandel aus den Wohnbezirken verschwindet, ist kein spezielles Problem des Huttenkiezes und auch keines von Moabit. Es ist eine Entwicklung, die in keiner Großstadt aufgehalten werden kann. Die Kauf- und Essgewohnheiten haben sich in den letzten dreißig Jahren überall gewandelt. Was hier allerdings entscheidend hinzukommt, ist, dass nicht nur die Ladenräume leerstehen, sondern auch sehr viele Wohnungen.
Der Versuch, Zusammenhänge zu erkennen: Liegt das vielleicht daran, dass das Straßenbahndepot geschlossen ist, früher wohnten hier doch viele Straßenbahner... "Nee". Oder daran, dass es überhaupt erheblich weniger Arbeitsplätze in dem direkt angrenzenden Industriegebiet gibt... "Nee". Oder daran, dass der Huttenkiez eine Insel ist, ohne Anbindung an ein anderes Wohngebiet... "Nee". Woran dann? "Weil für die Häuser zu wenig getan worden ist", sagt Drabe. Seiner Frau ist das zu gelinde gesagt. "Sag' doch, wie es ist: Weil die Hauswirte gepennt haben." Bad und Heizung seien heute eben kein Luxus mehr, sondern Standard.
Als Detlef Drabe geboren wurde, marschierten deutsche Soldaten in Russland ein, und die Fleischrationen für jeden "Normalversorgungsberechtigten" sanken von 700 auf 300 Gramm pro Woche, 1942. Seine ersten Erinnerungen gehen also in die Nachkriegszeit zurück. "Das Nebenhaus war zerbombt, und als Kinder wussten wir ja nicht, wie gefährlich das war: In den Ruinen haben wir gespielt." An der Stelle ist bis heute eine Lücke. "Oder die Ecke Huttenstraße, ein einziges Trümmerfeld - tja, das war unser schönster Spielplatz." Heute steht dort ein Hotel.
Nach dem Willen seines Vaters hätte Detlef Drabe studieren sollen, aber die Kumpels arbeiteten damals alle schon, hatten also Geld, und so zog er es vor, bei ihm in die Lehre zu gehen. "Und ich habe es nie bereut, mir macht der Beruf einfach Spaß." Das merkt man. Davon zeugt nicht nur die Wurst, sondern auch die Atmosphäre im Laden. Und die wird wesentlich mitbeeinflusst von Ute Drabe, seit 32 Jahren mit dem Metzgermeister verheiratet, keine Berlinerin, aus Rinteln an der Weser. Der Huttenkiez ist auch ihr Kiez geworden.
Was die Drabes ihren Kunden einwickeln, verkaufen sie ihnen mit Überzeugung. Hier wird eine schon fast abgenutzte Redewendung sichtbar: Sie stehen dahinter. Sie wissen, was sie in die Hand nehmen, denn Blutwurst, Jagdwurst, Bockwurst, Sülze, die Wiener, - alles selbstgemacht. Fabrikware geht hier nicht über die Theke. Und was Drabe nicht selber macht, das kauft er bei Kollegen, die er schon sehr lange kennt und zu denen er Vertrauen hat, "die im Grunde einen ebenso kleinen Betrieb haben, wie ich. So hilft einer dem anderen."
In diesen Zeiten liegt es nahe, nachzufragen: Was kommt hinein in die Wurst? Nichts, was nicht hineingehöre, sagt Drabe, Seperatorenfleisch, Hirn und alles, was jetzt Risikomaterial heiße, habe er noch nie verwendet. Rindfleisch ja, das habe er immer hineingetan, und er werde es auch weiterhin verarbeiten. Und das sage er den Kunden auch gerade heraus. Er wisse, woher sein Rindfleisch komme. Artgerechte Tierhaltung und artgerechte Fütterung. Und seine Kunden haben Vertrauen zu ihm.
Natürlich sei es jetzt schwieriger, Rindfleisch zu verkaufen, "aber andererseits kommen in letzter Zeit, zum Wochenende beispielsweise, auch Kunden, die wir noch nie gesehen haben, die bisher ihr Fleisch wahrscheinlich in Supermärkten eingekauft haben und sich jetzt doch wieder auf ein Fachgeschäft besinnen."
Die Fleischerei Drabe erinnert an die guten alten Zeiten, als die Brötchen noch von Bäcker zu Bäcker und die Würste von Metzger zu Metzger anders schmeckten. Es könnte sein, dass diese Zeiten dank der Ernährungskrise wiederkommen..
Der Laden hat zwei Adressen: Ufnaustraße 3 und www.drabe.de. Ein Internet-Auftritt für den Party-Service, der inzwischen ein Viertel des Umsatzes ausmacht. Und Spanferkel, Prager Schinken, Braten, kalte Platten und so weiter werden nicht nur im Kiez ausgeliefert, sondern in ganz Berlin.

Text und Fotos: Burkhard Meise, aus "Blickwinkel", Heft März 2001