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Die "Mitdenkerin" vom Moabiter Ratschlag: Elke Fenster

"Wir sind Mitdenker"

Elke Fenster, Geschäftsführerin des Moabiter Ratschlag e.V. über ihren Verein, den Träger des "Stadtschloss Moabit - Nachbarschaftshaus Rostocker Straße"

 

Viel diskutiert wird darüber, aber nein, Berlins Stadtschloss Unter den Linden gibt es (noch) nicht. Das andere Stadtschloss, das in Moabit, dagegen schon! Es wirkt von außen prächtig und vor allem voller Leben. Hierhin pilgern die Moabiter zum Beispiel zu Computerkurs, Mittagessen oder zum Tanztee. Im Turmzimmer mit Fenstern nach zwei Seiten "residiert" Elke Fenster, die Geschäftsführerin des Trägervereins. Seit 2002 existiert das Nachbarschaftshaus "Stadtschloss Moabit". Das Quartiersmanagement Moabit West hatte in den Jahren zuvor Befragungen initiiert, die zum Ergebnis hatten: "Moabit West braucht ein Zentrum". Eine Expertise wurde in Auftrag gegeben, um die Frage zu beantworten, wie ein solches Nachbarschaftshaus aussehen müsste, und an welchem Standort es entstehen könnte. Aus Mitteln des Projektes "Soziale Stadt" und Sanierungsgeldern wurde das Kinder- und Jugendhaus in der Rostocker Straße, in dem diverse Träger ihre Angebote machten, aufwendig saniert. "In dem Gutachten war formuliert, dass im Kiez kein geeigneter Träger existiere, der dieses Haus führen könnte." Elke Fenster und ihre Vereinskollegen vom Moabiter Ratschlag sahen das anders und bewarben sich für die Aufgabe, das Nachbarschaftshaus zu organisieren. Sie bekamen den Zuschlag. Mit den neuen Aufgaben sei auch der Verein immer weiter gewachsen. "2002 bestand der harte Kern aus sechs Leuten, heute zählt der Moabiter Ratschlag 24 Angestellte sowie viele freie, ehrenamtliche und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus dem zweiten Arbeitsmarkt."

Gratis Tee aus dem Samowar und Kaffee ohne Ende für zwei Euro pro Woche

Tee aus dem Samowar zur Begrüßung oder zwischendurch gibt es im Stadtschloss für alle gratis - eine Geste, die sehr gut ankommt: "Unser afghanischer Mitarbeiter kreiert immer neue Gewürztees mit Kardamom und Nelken," so Elke Fenster. Ganz unterschiedliche Gruppen kommen zu ganz unterschiedlichen Zeiten auf das Gelände in der Rostocker Straße. "Zum Frühstück sind das Leute, die in der Gegend arbeiten, Mütter, die ihre Kinder zur Kita gebracht haben und Anwohner. Mittags haben wir hier viele mit Namen bekannte Stammbesucher sowie Frauen und Männer, die z.B. im Haus Deutschkurse besuchen und den offenen Computerraum nutzen." Der Computerraum ist ein Erfolgsmodell. Die zuerst angebotenen Kurse à la VHS hatten nicht funktioniert. "Seitdem gibt es an zwei Tagen in der Woche ein ganz niedrigschwelliges Angebot. Jeder kann kommen. Zwei Mitarbeiter sind vor Ort und helfen, wenn es gewünscht wird." Der Vorteil ist, dass sich jeder nach seinem eigenen Tempo richten kann und nicht einem Kurs folgen muss. Im Nachbarschafstreff wird immer mehr "klassisch deutsche bürgerliche Küche nachgefragt, so formuliert Elke Fenster es mit einem Lächeln, "aber an einem Tag in der Woche gibt es immer ein Gericht aus fernen Ländern."

"Wir greifen gern Ideen auf. Wir sind Mitdenker", beschreibt Geschäftsführerin Fenster das Credo ihres Verein. Der Moabiter Ratschlag entwickelt seine Projekte gemeinsam mit engagierten Menschen. Auf diese Weise ist der Mädchen-Kultur-Treff Dünja entstanden. "Mit einer Gruppe von muslimischen Mädchen, die keine gemischtgeschlechtlichen Jugendeinrichtungen besuchen dürfen, haben wir gemeinsam das Konzept für den Mädchen-Kultur-Treff entwickelt, Räume und Unterstützung gesucht." Im vorigen Jahr hat Dünja sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert. Die Einrichtung ist weit über Moabit hinaus bekannt für engagierte Bildungsarbeit für Mädchen, junge Frauen und Familien.

Konkrete Hilfe für die, die sie brauchen

"Wir machen weiter, wir sind auf einem guten Weg." Der Moabiter Ratschlag verfolge einen sehr breiter Ansatz. "Das ist nicht der klassische sozialpädagogische Ansatz, alles über Fachleute zu machen. Ein ganz starker Motor bei uns ist, dass die Menschen gemeinschaftlich Dinge machen. Man berät sich hier im Haus untereinander. Klar gibt es Fachleute, die man einbinden kann, aber zunächst wird geschaut, wie man nachbarschaftlich untereinander etwas auf die Beine stellen und sich gegenseitig helfen kann." Nachbarschaftshäuser sind ein Zukunftsmodell für unsere Gesellschaft, findet Elke Fenster. Die Aktivitäten, Ideen und Interessen der Menschen im Kiez brauchen Struktur und Organisation, und die bietet ihr Verein. Aktuell sind die "Ratschläger" für die Trägerschaft des Spielplatzes auf dem Ottoplatz ausgewählt worden. Mit Siemens wird derzeit ein Einsatz von Studenten als so genannter "Charity-Day" geplant. Bachelor-Studenten werden einen Tag lang freigestellt, um etwas Gemeinnütziges im umgebenden Kiez zu machen. Die Gruppe will im Mädchen-Kultur-Treff einen neuen Fußboden verlegen. 

Ein neues EFRE-Projekt, das seit März läuft, soll die drei Jugendprojekte des Moabiter Ratschlags vernetzen, damit sie ihre Erfahrungen zusammen bringen und neue Herangehensweisen entwickeln können. "Die Probleme der Jugendlichen werden ja nicht weniger, im Gegenteil. Viele Jugendliche schaffen den Hauptschulabschluss nicht und haben keinerlei Basis, sich beruflich etwas aufzubauen. Es gibt diese so genannten Hartz-IV-Karrieren, wo ganze Familien, keinen Bezug mehr zur Arbeitswelt haben." Die Lage dieser jungen Leute sieht Elke Fenster als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen in Moabit, ohne andere Themenfelder zu vernachlässigen wie das verstärkte Einbinden von älteren Menschen und der Langzeitarbeitslosen. Der Verein plant Patenschaftsprojekte, um verschiedene Gruppen zusammen zu bringen: "Ältere sollen zum Beispiel Jugendliche an die Hand nehmen, um denen das zu geben, was sie in ihren Familien nicht bekommen."

Wie sie den Moabiter Ratschlag in zehn Jahren sieht?

"Wir als Verein werden weitere Aufgaben übernehmen, zum Beispiel in der Seniorenarbeit. Ich komme aus einer Generation, die Wohngemeinschaften und Kinderläden entwickelt hat. Das Pflegeheim ist für mich keine Perspektive im Alter. Ich denke, dass sich das Generationenübergreifende, neue Formen des Wohnens und des Miteinanders weiter entwickeln. Wir sollten die Angst vorm Alter verlieren und uns untereinander helfen. Ein am Gemeinwohl orientiertes genussvolles Leben, das schwebt mir vor."

 

Zur Person

Elke Fenster ist in Siegen geboren und aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zur Bürogehilfin und ihrer Tätigkeit bei der Exportfirma der Stahlwerke Südwestfalen hat sie auf dem zweiten Bildungsweg Abitur gemacht und ist für ihre Firma zu deren französischer Dépendance nach Paris gegangen. An der FU Berlin hat sie Französisch und Erwachsenenbildung studiert. Nach Tschernobyl und der Geburt ihres Sohnes engagierte sie sich im Verein "Mütter und Väter gegen atomare Bedrohung", war auf Demonstrationen mit Kindern zusammen, zum Beispiel vor dem Europaparlament in Straßburg. Als Umweltberaterin gab sie Kurse an der Volkshochschule. Beim Verein "Aktiv gegen Strahlung" schuf sie sich ihre eigene ABM-Stelle und arbeitete zwei Jahre im Antiatombüro. Nach der Geburt des zweiten Sohnes konzentrierte sie sich mehr auf ihren Kiez - Moabit - und arbeitete seit 1992 als freie Redakteurin bei der Kiez-Zeitschrift "Blickwinkel", die der Moabiter Ratschlag herausgab. Aus dem Dachverband für Bürgerbeteiligung in Moabit wurde im Laufe der Zeit ein freier Träger für Projekte und Einrichtungen in der Jugend-, Sozial- und Nachbarschaftsarbeit, der neben seiner Fachlichkeit ebenso den Stadtteilbezug im Blick hat. Seit 2000 ist Elke Fenster Geschäftsführerin des Vereins Moabiter Ratschlag.

Text und Fotos: Gerald Backhaus