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Nermin Dogan

"Weißwein durfte nicht ausgeschenkt werden!"

Die Händler in der Arminius-Markthalle wissen selbstverständlich, dass es so nicht mehr weiter gehen kann, das haben sie jeden Tag deutlich vor Augen. Aber wie es von Seiten der Markthallenleitung mit ihnen oder ohne sie weitergehen soll, das wissen sie nicht, denn das sagt ihnen keiner. Das findet nicht nur Nermin Dogan nicht fair. Doch auch wenn sie darüber redet, lässt sie sich ihre Laune nicht verderben. Wie es auch kommen mag, sie wird schon einen Umgang damit finden. Nermin Dogan strahlt einen Optimismus aus, der sagt, was ich auch tun muss, es wird schon gelingen.

Seit 32 Jahren ist die Markthalle ihr Arbeitsplatz, seit 18 Jahren ist sie keine angestellte Verkäuferin mehr, sondern selbständige Fischhändlerin. Sie hat also die Blütezeit der Markthalle erlebt, und dann auch den langsamen aber sicheren Abstieg. An ihr lag es bestimmt nicht, wenn die Angebote von Jahr zu Jahr unattraktiver wurden. Sie hat immer wieder Neues ausprobiert. Das Herz ihres Geschäftes ist zwar immer der Fischhandel geblieben, aber nachdem sie sich 1988 selbständig gemacht hat, übernahm sie 1993 noch einen zweiten, ihr gegenüber liegenden Stand, von dem aus sie Tiefkühlkost anbot und zeitweilig den mutigen Versuch unternahm, den Moabitern frisches Pferdefleisch schmackhaft zu machen. In vielen alten Berliner Geschichten ist von Rossschlächtern die Rede, so dass man doch eigentlich glauben könnte, die Pferdeboulette müsste in Berlin gut ankommen, und wo in Berlin, wenn nicht in Moabit - aber so war es dann doch nicht.

Wer gute Geschäfte machen will, braucht Phantasie. Wer aber mit Phantasie an die Sache herangeht, läuft in Deutschland Gefahr, die für ihn zuständigen Beamten schwindelig zu machen. Die ziehen dann ihre persönliche Notbremse und verhindern ein gutes Geschäft. Da darf einer seine Stühle, auf denen er die Kunden einladen möchte, Platz zu nehmen, nur bis soundso viel Zentimeter neben der Theke aufstellen, und wehe, diese Zone wird überschritten ... es ist zum Schreien. Nermin Dogan wollte den Leuten den Appetit anregen und bot an den schönen Samstagen Austern mit einem Glas Weiswein an, und siehe da, der Weiswein war verboten. Man mag es nicht glauben. Vom Bürokratieabbau ist ja schon seit Jahren die Rede, und in den letzten Wochen verstärkt. Sollte das kein leeres Gerede bleiben, sondern tatsächlich umgesetzt werden, könnte sich das Land gründlich verändern. Da wird dann garantiert wieder einigen schwindelig, aber die können dann ja eine Kur beantragen.

Vor vier Jahren übernahm Nermin Dogan auch noch das Fischstübchen. Jetzt darf sie auch Wein und Bier ausschenken. Aber jetzt haben sich die Zeiten und vor allem das Einkaufsverhalten geändert. Jetzt kommt nur noch ein Bruchteil der Kundschaft von früher in die Markthalle. Und einige kommen zu ihr, um einen gebratenen Fisch zu essen.

Die Leute sparen an allem, vor allem aber am Essen. Wenn Nermin Dogan das sagt, klingt es gar nicht wie eine Klage, viel mehr so, als täten ihr die Leute leid. Am Essen sparen, das könnte ihr nie einfallen. Sie versteht es auch gar nicht, wie man bei den Lebensmitteln, also bei dem, was man zu sich nimmt, auf Qualität verzichten kann, dass man schlechter einkaufen kann, als es nötig wäre. Sie versteht es nicht, aber die Laune lässt sie sich auch davon nicht verderben. Und wenn doch, dann so, dass es keiner merkt.

Nermin Dogan kennt Moabit durch und durch. Nicht nur durch die Markthalle, bis vor kurzem hat sie auch hier gelebt. Doch jetzt, da ihre Kinder erwachsen sind, haben sie und ihr Mann sich einen alten Traum erfüllt und sind in ein Häuschen mit Garten gezogen. Das gab es in Moabit nicht, aber in Reinickendorf. Und als sie davon spricht, leuchten ihre Augen noch mehr als sonst.

Beim Fischhandel ist Vertrauen vielleicht noch wichtiger als beim Fleischhandel. Wir haben Nermin Dogan immer vertraut, weil sie uns offen gesagt hat, an welchen Tagen wir den Fisch auch roh essen können und an welchen Tagen wir es besser nicht tun sollten. Und weil wir ihr vertrauen konnten, haben wir auch Pferdefleisch probiert. Und als sich dann herausstellte, dass es nicht genug Kunden gibt, die mal eine Pferderoulade essen wollen, haben wir das bedauert.

Wenn nächstens der Markthalle ein neues Konzept verpasst wird und es für Nermin Dogan dort nicht weiter gehen sollte, werden wir auch das bedauern. Und sie wird es auch bedauern. Nach über drei Jahrzehnten. Aber ganz sicher wird sie dann schon bald an anderer Stelle gut gelaunt hinter ihrer Theke stehen und ganz sicher davon ausgehen, dass der neue Laden gelingt.

Burkhard Meise