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Norbert Kopytziok

Weniger Müll, mehr Fantasie, mehr Lebensqualität

Vor zwei oder drei Jahren stand im Stadtteilplenum ein Herr auf und sagte mit etwas zu leiser aber in sich ruhenden und sicheren Stimme, er sei nach einer Unterbrechung wieder in Berlin und neu in Moabit, zum ersten Mal im Stadtteilplenum, er heiße Norbert Kopytziok, habe schon viel im Bereich Umweltschutz, Müllvermeidung und Recycling gearbeitet und wäre daran interessiert, auch in Moabit mitzuarbeiten in konkreten Projekten, denn das sei ebenso sinnvoll wie Konzepte zu schreiben und Vorträge zu halten. Dann setzte er sich wieder. Heute ist er Mitglied der Aktionsfondsjury und des Quartiersrats, er managt beim Moabiter Ratschlag Projekte wie „Einsatz im Gemeinwesen“, er organisiert die Sperrmüllmärkte, hat am Reparaturführer mitgearbeitet und am Naturlehrpfad und bereitet ein Schrottorchester vor. Am Stadtteilplenum nimmt er so gut wie regelmäßig teil, meldet sich gerne zu Wort und streut über seine Sätze gerne einen leisen norddeutschen Humor.

Seine Bemerkung über das Schreiben von Konzepten und das Halten von Vorträgen war ganz sicher nicht despektierlich gemeint, denn der habilitierte Doktor Norbert Kopytziok ist Umweltwissenschaftler und das Lehren und Forschen sind wesentliche Bereiche seiner Profession. Nur dass seine Art zu forschen nicht in der theoretischen Arbeit allein aufgeht, sondern die Ergänzung durch praktische Erfahrungen sucht.

Im schwäbischen Reutlingen hat der gebürtige Osnabrücker Ingenieurswissenschaften studiert, in Bielefeld und Berlin Soziologie und Psychologie. Als angehender Ingenieur brauchte er ein einjähriges Praktikum, das er bei Hoechst machte. Doch so unfrei wollte er nicht arbeiten. „Gegen Ausbeutung am Arbeitsplatz, in Selbstbestimmung arbeiten können – das ist eine Haltung, die unter Ingenieurstudenten weit verbreitet ist.“, sagt Norbert Kopytziok. Daraus wurde dann das Studium der Soziologie und wer ihm heute zuhört, spürt, dass er die mit dem Thema Humanisierung der Arbeitswelt zusammenhängenden Fragen für dringender denn je hält. Das erste Mal nach Berlin gekommen ist er, weil er, ach was waren das noch für Zeiten, auf keinen Fall zur Bundeswehr wollte. Musste er dann auch nicht.

Er kam nach Berlin in der Zeit, da die alternativen Initiativen und Projekte ihre Hochzeit erlebten, sowohl im Bereich oder Umfeld der Universität, als auch in den ersten Kreuzberger Hinterhöfen oder Fabriken. Das kam dem Bedürfnis von Norbert Kopytziok offenbar sehr entgegen. Er engagierte sich nicht nur im Gesundheitsladen im Mehringhof oder im Ökodorf in der Kurfürstenstraße, er beschäftigte sich auch in einer Recycling-Gruppe mit Fragen, wie man die Lebensdauer von Glühbirnen verlängern könnte und gründete schließlich das Umweltbüro und die Alu-Sammelgruppe.

Die Alu-Sammelgruppe – vielleicht erinnert sich ja noch der eine oder die andere, wie wir damals das Silberpapier nicht mehr achtlos weggeschmissen haben, wenn wir eine Tafel Schokolade verdrückt hatten. Getränkedosen? Gab es seinerzeit schon Getränkedosen? Die Erinnerung lässt nach. Doch wie wir Aluminium als Wert- und Werkstoff zu begreifen lernten, ihn zu sammeln und zu verkaufen und den Erlös alternativen Projekten zukommen zu lassen, daran kann ich mich erinnern. Aber: „Wir haben das Projekt eingestellt, weil die Industrie immer mehr Aluminium produziert hat, damit wir sammeln können. In Schulen wurden Sammelwettbewerbe veranstaltet, was dazu führte, dass Schüler ganze Alu-Rollen mitbrachten.“ Das sind dann die unbezahlbaren Erfahrungen, welche Schüsse wie nach hinten losgehen können.

Und das sind auch die Erfahrungen, die sich die Landesregierung von Schleswig Holstein zu Nutze machen wollte, als sie 1996 Norbert Kopytziok zum Dezernenten für ökologische Stoff- und Abfallwirtschaft machte. In diesem Amt durfte er unter anderem jährlich drei Millionen D-Mark für Recycling-Projekte ausgeben, die er gut findet. Bezahlt wurde das aus Abfallabgaben, die von der Industrie abgeführt werden mussten. Die haben sich das aber nicht gefallen lassen, dagegen geklagt und Recht bekommen. Die Landesregierung musste alles zurückzahlen und Norbert Kopytziok kam zurück nach Berlin, „weil ich hier als Umweltwissenschaftler mehr erreichen kann. Hier finden so viele Veranstaltungen und Expertengespräche statt, und hier gibt es viele quer denkende, oft junge Menschen, mit denen neue, zeitgemäße Projekte ausgedacht und umgesetzt werden können.“ Er ist bei allen seinen Erfahrungen auf eine angenehme Art unzynisch geblieben. Und hier hat er auch einen Lehrauftrag an der Universität der Künste übernommen, er lehrt umweltgerechte Produktkonstruktion bei den Industriedesignern.

Norbert Kopytziok ist eher ein leiser und zurückhaltender Typ. Doch man täusche sich nicht. Genau das könnte auch seine Art sein, sich Gehör zu verschaffen. Mit ihm hat der Moabiter Ratschlag einen ausgezeichneten wissenschaftlichen Projektleiter gefunden, ausgezeichnet mit dem Iduna/Nova Umweltpreis 1991, dem Air-Pack-Patent 1993 und, ebenfalls 1993, dem Berliner Umweltpreis.

Im Dezember 2006 wurde ihm und seiner Studentengruppe für ihre Arbeit im Sommer-Semester 2006 zudem der Materialeffizienzpreis des Bundeswirtschaftsministeriums zuerkannt.

Burkhard Meise