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Einsatz für den Kiez: Dagmar Becker vom SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit

Familienbildung in Moabit

Zum beruflichen Abschied von Dagmar Becker vom SOS-Kinderdorf 

Das Interview im Juli 2020 ist ein Heimspiel für sie. Dagmar Becker empfängt mich im Familiencafé „ihres“ SOS-Kinderdorfes in der Waldstraße. An der roten Wand und vor den Fenster hängen von ihr gemalte Werke mit Titeln wie „Die Bewahrerin des Lebens“ und „Flucht“. Zum Glück wirkt es trotz Corona fast wieder normal hier. An zwei Tischen sitzen und scherzen Frauengruppen bei Kuchen und Tee. Eine Frau kommt zu uns und bietet ihren selbst gebackenen Börek an.

Normal sei leider noch nicht viel dieser Tage im SOS-Kinderdorf Berlin und seinen verschiedenen Bereichen , berichtet Dagmar Becker. Ihr Bereich, die Familienbildung, steht gerade vor der Herausforderung, die Angebote mit Hygiene- und Abstandsregeln so langsam wieder hochzufahren und dass sich aktuell nicht mehr als zwei Familien in einem Zimmer bei den Angeboten im offenen Familientreffpunkt aufhalten dürfen. Das Mittagsgeschäft im Familiencafé sei anfänglich schleppend wieder angelaufen, erzählt sie. Die Holzwerkstatt arbeitet draußen, auch die Tai-Chi-Kurse und Bewegungskurse finden bei guten Wetter draußen und sonst per Videokonferenz statt. Die offene Arbeit der SOS-Kindertagesstätte musste in Gruppenangebote umorganisiert werden.

Ab August wird die Volkshochschule wieder ihre Sprachkurse für Eltern und Flüchtlinge sowie Eltern-Baby-Sprachkurse veranstalten. „Viele Menschen sieht man seit März nicht mehr“, beklagt Dagmar Becker. Ihr fehlen die vielen zufälligen Kontakte und die Lebendigkeit im Hause. Sie wünscht sich sehr, dass sich die Situation nach den großen Schulferien stabilisiert hat. Doch dann wird sie ja gar nicht mehr dabei sein, weil sich nach 15 Jahren im SOS-Kinderdorf Berlin ihr Berufsleben dem Ende zuneigt. 

Als sie 2005 aus ihrem ersten SOS-Büro in den Kellerräumen in der Emdener Straße mit in den großen hellen Neubau in der Waldstraße umzog, gab es noch keine Familienbildung, keinen Kindergarten und schon gar kein Familiencafé. 15 Jahre später hat sich alles wunderbar etabliert und Dagmar Becker ist u.a. für die Programmkoordination im SOS-Kinderdorf zuständig. 2018 Gerade brachte sie das zwei Mal im Jahr erscheinende Programmheft zum ersten Mal in einfacher Sprache heraus: „Das erhielt eine sehr positive Resonanz“, freut sie sich. Dreh- und Angelpunkt ihrer Arbeit ist das „Netzwerken nach innen und außen“. Sie organisiert Veranstaltungen wie z.B. den „Gesunden Tag“, die Familiennacht und das öffentliche Ramadan-Fastenbrechen. Die nächste öffentliche Veranstaltung wird das Moabiter Kunstfestival „Ortstermin“ am letzten Wochenende im August sein, dann öffnen die Kinderkunstwerkstatt und das Familiencafé seine Pforten für Kunstinteressierte.

Dagmar Becker betreut seit 2006 - zunächst in Kooperation mit zwei Kindertagesstätten, aktuell mit der SOS-Kita - das „Rucksackprojekt“ und das FuN-Projekt. „Das sind zwei sehr sinnstiftende Projekte“, wie sie findet. Bei beiden geht es um das Brücken-Schlagen, u.a. zu Familien mit einer anderen Herkunftssprache als Deutsch. Denn wenn Kinder ihre Muttersprache gut sprechen, so wissenschaftliche Untersuchungen, können sie die deutsche Sprache leichter wie einen Rucksack aufsatteln. Die in das Rucksackprojekt eingebundenen Elternbegleiterinnen, die mitunter die Sprache der Familien sprechen, stellen die Verbindung her. Sie packen einen Rucksack mit Wissen über frühkindliche Bildung mit allem, was Kinder interessiert und was sie lernen möchten. Gruppen von fünf bis neun Müttern treffen sich einmal in der Woche mit den Elternbegleiterinnen. Sie übermitteln ihnen Übungen und Aufgaben und zeigen ihnen Bastelarbeiten und Spiele, die sie daheim mit ihren Kindern machen können. Die Treffen, bei denen in der Herkunftssprache der Frauen oder Deutsch gesprochen wird, finden ohne die Kinder statt, was den Vorteil hat, dass auch Gesundheits- und Erziehungsthemen wie das Fernsehverhalten besprochen werden. In den ersten Jahren gab es eine Projektförderung durch das Quartiersmanagement Moabit West.

Was tun bei andauerndem Geschwisterstreit, und wie setzt man den eigenen Kindern Grenzen? Im Projekt „Familie und Nachbarschaft“ (FuN) verbringen Eltern zusammen mit ihren Kindern eine intensive Familienzeit. Eltern kommen untereinander über Erziehungsthemen ins Gespräch, hören andere Meinungen und erfahren, wie es in ähnlichen Situationen bei anderen Familien funktioniert. „Das führt oftmals zu Anregungen, es auch einmal anders als bisher auszuprobieren“, erzählt Dagmar Becker. An diesen Nachmittagen wird auch zusammen gespielt und gemeinsam gegessen. Kooperiert wird bei dem Projekt u.a. mit der Erziehungs- und Familienberatung von SOS-Kinderdorf Berlin. Das FuN-Projekt wird bei den Ausgaben für Essen und Kinderbetreuung hoffentlich auch weiterhin aus dem Aktionsfonds des QMs. unterstützt.

Wichtig war für Dagmar Becker die Arbeit im Quartiersrat, in den sie und ihre Kollegin 2016 hineingewählt wurden. Auch schätzt sie den Arbeitskreis „Miteinander“, das Stadtteilplenum und die Stadtteilwerkstatt sehr. „Über diese Treffen konnte ich sehr vieles erfahren, wie sich Moabit West weiter entwickelt und was in diesem Stadtteil benötigt wird.“ 

Dagmar Becker arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin in unterschiedlichen Einrichtungen, u.a. bei der "Eltern-Kind-Initiative" und in einem Kreuzberger Frauenstadtteilzentrum, in dem sie auch Selbstverteidigungskurse gab. Bevor sie zum SOS-Kinderdorf Berlin kam, verbrachte sie acht Jahre in Frankfurt am Main und Wiesbaden. Damals pendelte sie zwischen den beiden Büros einer Organisation, die sich mit internationaler Weiterbildung und Entwicklung beschäftigt. Das Sportliche und das Interkulturelle ziehen sich bei der leidenschaftlichen Skilangläuferin wie ein roter Faden durch ihr ganzes Leben. Bei SOS fühlte sie sich durch die große Vielfalt ihrer Aufgaben beruflich angekommen. 

Zum Abschluss betrachten wir gemeinsam ihre Bilder. Mit dem Malen begann Dagmar Becker im Jahr 2013, angeregt durch die Künstlerin Sabine Teubner-Mbaye. Sie belegte Kurse an der Volkshochschule (VHS) und später sogar eine VHS-Jahresklasse. Für das ungestörte Malen hat sie sich einen Atelierplatz in der Wilsnacker Straße gemietet. „Die Themen springen mich an, ich pflücke sie!“ Zu den Inhalten ihrer Werke, die sie mit Acryl auf Leinwand malt, zählen politische Themen und Umweltthemen wie der viele Plastikmüll in den Weltmeeren. Ihre Ausstellung im SOS-Familiencafé ist noch bis zum „Ortstermin“ Ende August anzuschauen.

Was ihr am SOS-Kinderdorf besonders gefällt, ist, dass in diesem Unternehmen Lernprozesse möglich und gewünscht sind. Entscheidungen fallen gemeinsam im Team, hier wird auch auf Mitarbeiterebene Beteiligung groß geschrieben. Ihre Vision für das SOS-Kinderdorf Berlin? Da muss Dagmar Becker nicht lange überlegen: „Dass es sich immer weiter entwickelt. Und dass es ein offenes Haus und ein Ort für das lebenslange Lernen bleibt. Das miteinander Lernen und die interessanten vielfältigen Begegnungen wären mir noch wichtig.“

Kontakt zur Nachfolgerin von Dagmar Becker im SOS-Kinderdorf: Anika Reckmann, anika.reckmann[at]sos-kinderdorf[.]de

Zum SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit 

Es ist das erste Kinderdorf in einer deutschen Großstadt und inzwischen auch ein Mehrgenerationenhaus. Neben den Kinderdorffamilien haben hier seit 2005 viele weitere Angebote für Kinder, Jugendliche und Familien ihren Platz gefunden: eine Kita mit 70 Plätzen, Familienbildung, Erziehungs- und Familienberatung, Familientreffpunkt und Kooperationen mit Schulen im Kiez.

SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit, Waldstraße 23/24, 10551 Berlin, Tel. 030 330993-50, www.sos-berlin.de

 

Text & Fotos: © Gerald Backhaus, außer die 3 Projekt-Fotos: © Bild-Archiv vom SOS-Kinderdorf Berlin/Dagmar Becker